Nach „Die geheime Botschaft von Jesus“ (das ich nicht gelesen habe) legt McLaren nun einen Nachfolgeband vor, der das Thema „globale Herausforderungen“ in den Blick nimmt und auch ohne Vorkenntnisse der „geheimen Botschaft“ gut zu verstehen ist. Da ich von McLaren etwas reißerische Titel gewohnt war, war ich auch bei diesem anfangs etwas skeptisch. Aber ich muss sagen, das Buch hält, was der Titel verspricht. Es ist m. E. das bisher beste Buch von McLaren: informativ, mutmachend und herausfordernd.
Im ersten Teil erklärt der Autor, wie er überhaupt auf dazu gekommen ist, ein Buch über die weltweiten Probleme zu schreiben. Dieser Abschnitt ist zwar ganz nett zu lesen, aber mich hat er nicht wirklich bewegt. Richtig spannend wurde es erst ab dem zweiten Teil, der mit „Suicidal System“ („Selbstmordsystem“) überschrieben ist. In ihm finden wir nicht nur eine sehr überzeugende Synopse aus verschiedenen Problemlisten, die unterschiedliche internationale Organisationen und Einzelpersonen als drängendste Herausforderungen unseres Planeten beschrieben haben. Sehr eindrücklich und systematisch schildert McLaren auch, wie das „System“ aussieht, das diese Probleme produziert. Er unterscheidet dabei drei Untersysteme, die miteinander verbunden sind und sich gegenseitig bedingen. Alle drei Systeme werden im Folgenden näher erläutert und mit entsprechendem Zahlen- und Faktenmaterial untermauert (wobei der Hintergrund – wie sollte es auch anders sein – vorwiegend die US-amerikanische Perspektive ist):
- Das „Prosperity System“ (Wohlstandssystem): Unsere Wirtschaft ist auf Wohlstandserzeugung aufgebaut. Das Mittel dazu sind die Märkte, in denen sich jeder mit seinen Gaben und Ideen einbringen kann. Die Dinge, die gesellschaftlich interessant sind, werden dadurch gefördert, die anderen können sich nicht durchsetzen.
- Das „Security System“ („Sicherheitssystem“): Um den freien Austausch von Waren und Dienstleistungen sicherzustellen, muss ein Sicherheitsapparat geschaffen werden, der sowohl für den reibungslosen Ablauf sorgt wie auch für die Ahndung von Verstößen
- Das „Equity System“ („Verteilungssystem“): Die freie Marktwirtschaft kann nur dann funktionieren, wenn Chancengleichheit und ein allgemeiner Zugang zu den Märkten besteht, in denen eine gute Verteilung der Güter stattfindet.
Diese drei Systeme bedingen sich gegenseitig und sind eingerahmt in der „framing story“, also dem gesamtgesellschaftlichen Mythos. Ist der Mythos destruktiv, wird daher auch das ganze System zu einer „Selbstmordmaschine“; ist der Mythos dagegen konstruktiv, wird das System zu positiven Ergebnissen führen.
McLaren versucht nun, wie ich finde, sehr überzeugend aufzuzeigen, dass unser gesellschaftlicher Mythos destruktiv ist und wir deshalb zwangsläufig die Welt an den Abgrund gebracht haben. Er macht verschiedene Elemente des destruktiven Mythos aus:
- Wir glauben daran, dass Gewalt Probleme lösen kann. Befriedung geschieht daher bei uns vor allem dadurch, dass einer dem anderen seinen Willen aufzwingt.
- Bei uns steht das Individuum im Mittelpunkt des Interesses, nicht die Gemeinschaft. Bei Entscheidungen hat die Gemeinschaft deshalb keine Stimme.
- Wir leben im Jetzt und denken nicht an zukünftige Generationen, weshalb sie in unseren wirtschaftlichen und sonstigen Bilanzen auch keine Rolle spielen.
- Sinn und Erfüllung suchen wir in materiellen Gütern und Vergnügungen und dabei in einem „immer mehr“ in allen Bereichen.
Durch diese und andere Mythen wird das System nach McLarens Ansicht zur „Selbstmordmaschine“. Der Teufelskreis sieht dabei in etwa folgendermaßen aus:
- Durch den Individualismus wird generiert das „Wohlstandssystem“ den Wohlstand Einzelner, der vor allem dadurch entsteht, dass Güter der Gemeinschaft bzw. den zukünftigen Generationen entzogen werden. Das führt zu einer immer größer werdenden Abneigung der Armen gegenüber den Reichen, die bis hin zum Hass geht. Ebensolcher Hass entsteht auch bei den Reichen, die die Armen zunehmend als Bedrohung betrachten. Die Folge sind gegenseitige Abschottung und eine „Wir gegen die“-Mentalität.
- Das „Sicherheitssystem“ versucht die so entstandene Unzufriedenheit niederzudrücken, agiert aber vor allem als Instrument der Reichen (die nicht nur von dem System profitieren, sondern es letztlich auch finanzieren). Es sorgt damit letzten Endes für eine Fortdauer der Ungerechtigkeit.
- Das „Verteilungssystem“ gerät schließlich vollkommen aus dem Gleichgewicht, denn unsere Wirtschaft ist so aufgebaut, dass die, die über die entsprechenden Mittel verfügen, auch den Zugang zu den Märkten kontrollieren. Von einer gerechten Verteilung ist also nichts zu sehen, vielmehr wird sie (McLaren belegt das durch Statistiken) sowohl weltweit wie national betrachtet immer ungerechter.
- Die Armen entdecken deshalb zunehmend, dass das System nicht ihnen, sondern den Reichen dient. Damit steigt ihr Hass und auf der anderen Seite das Sicherheitsbedürfnis. Die Folge sind Gewaltausbrüche und Terrorismus.
- Hinzu kommt eine immer weiter anwachsende Umweltzerstörung, die dadurch bedingt wird, dass die Individuen nicht mehr kleinen Gemeinschaften gegenüber verantwortlich sind. Auch Großkonzerne, die Arbeitsplätze und Müll problemlos weltweit verschieben können, handeln in dieser Hinsicht wie Psychopathen.
Die Lösung dieser vertrackten Situation kann nach McLaren nicht in einem Herumdoktern an einzelnen Problemen bestehen, sondern „everything must change“, wie der Titel sagt. Ihm geht es um nichts weniger als um die Implementierung einer anderen „framing story“, die er aus dem Evangelium Jesu ableitet. In ihr gelten Werte wie Gemeinschaft, Ausgleich von Interessen, Gewaltfreiheit und ähnliches mehr. Wie man es von ihm gewohnt ist, legt McLaren in diesem Zusammenhang nicht nur den Finger auf einige wunde Punkte des evangelikalen Christentums (inklusive so heikler Fragen wie: Wie kann man von dem US-amerikanischen Volk, das zu 44% davon überzeugt ist, dass der Herr in den nächsten fünfzig Jahren wiederkommt, einen Beitrag zur Erhaltung der Schöpfung erwarten?), er liefert auch einige erfrischend andere Exegesen zu Evangelientexten.
Besonders gelungen finde ich zudem, wie McLaren das Riesenthema „globale Krise“ auf einige ganz konkrete Handlungsschritte herunterbrechen kann: Was müssen Staaten tun? Was können einzelne kleine Gemeinschaften tun? Was kann der Einzelne tun?
Das Buch endet mit einer Aufforderung zu einer „Revolution der Hoffnung“, zu der sich der Autor trotz seiner etwas pessimistischen Sicht der Lage durchringt. Hierin liegt jedoch auch die schon aus anderen Publikationen bekannte Schwäche McLarens. Da er in den biblischen Texten zur Eschatologie nur „Visionen“ sieht, aber nicht wirklich Bilder für die Zukunft, fehlt ihm auch der Grund für eine Hoffnung auf Besserung. Die Zukunft liegt damit ganz in der Hand des Menschen.
Den von ihm ausgemachten Problemen und daraus folgenden Herausforderungen und Handlungsaufforderungen tut das freilich überhaupt keinen Abbruch. Das Buch ist daher wärmstens zu empfehlen. Ich hoffe, dass es bald in deutscher Übersetzung zugänglich sein wird und auch hierzulande eine sehr breite Leserschaft finden wird. Auf dass die Revolution der Hoffnung ihren Anfang nehmen möge…