Alle Theologie ist kontextuelle Theologie

Wir wollen auf dem ZeitGeist Blog immer wieder verschiedene Themen aus dem ZeitGeistbuch aufnehmen und weiterdiskutieren. Zu Beginn soll es um das Verhältnis von „Kultur & Evangelium“ gehen und in wie weit eines das Andere beeinflusst. Anfangen wollen wir deshalb mit folgender These:

„Alle Theologie ist kontextuelle Theologie.“
Wo ist Theologie von der jeweiligen Kultur her zu interpretieren und somit veränderbar. Dies würde bedeuten, dass Theologie auf die Situation von Menschen und ihren Kontext eingeht und immer wieder neu zu interpretieren ist. Welche Rolle spielt dabei die Bibel, in wie fern ist sie selbst kontextualisiert und wie normativ ist das Wort Gottes für den jeweiligen Kontext? Hat sich der Kontext am Wort Gottes zu richten? Und wie sieht das dann aus? Oder muss sich das Wort Gottes auf den jeweiligen Kontext einlassen? Ist beides nötig? Wie sieht eine Korrelation dann aus?

43 Reaktionen zu “Alle Theologie ist kontextuelle Theologie”

  1. Daniel

    Eine wichtige Annahme bei dieser Fragestellung ist meiner Ansicht nach die kulturelle Bedingtheit der Bibel selbst. Die biblischen Schriften wurden in konkreten Kulturen mit Hilfe der jeweiligen Sprache (Hebräisch, Aramäisch und Griechisch) von Menschen geschrieben. Daher kann die Bibel nicht als „reines Wort Gottes“ verstanden werden das jeder Kultur „überlegen“ ist. Gott war an ihrer Entstehung und Überlieferung beteiligt und somit offenbart er sich auch durch die Bibel. Um diese Offenbarung und damit verbunden Gottes Idee in eine beliebige, vielleicht unsere Kultur, zu bringen bedarf es der Übersetzung. Übersetzung steht für mich hier nicht in erster Linie für eine Übermittlung eines Textes von einer Sprache in eine andere (Wort für Wort), sondern vielmehr für eine Übersetzung einer Kultur in eine andere. Dazu ist es notwendig beide Kulturen kennen zu lernen und demgemäß zu übersetzen.

    …soweit mal mein erster Beitrag zu diesem Gespräch, der selbstverständlich „Stückwerk“ ist…

  2. toby

    Wie sagte Paul Schütz so schön: Wir Menschen würden in einer tausendstel Sekunde vergehen, wenn Gott “in seiner Sprache” zu uns sprechen würde, so heilig und mächtig ist er. Deshalb brauchen wir Transformation der Sprache Gottes durch den Heiligen Geist in unsere Kultur hinein. Nur so können wir Gott überhaupt verstehen….

  3. Fred

    Ich moechte mal eine gewagte Frage stellen: Ist nicht eigentlich Theologie, wie wir sie im Westen praktizieren, eine Herangehensweise an den Glauben, die gebunden an unsere Kultur ist? Gedankenkonstrukte ueber Gott zu bauen ist kontextuell. Theologie, wie wir sie heute praktizieren gab es in der Biblischen Zeit, zur Zeit der ersten Gemeinde und auch in vielen heutigen Voelkern nicht. Und trotzdem leben in diesen Voelkern Menschen mit Gott und ringen darum, ihr Leben an ihm auszurichten.
    Kann es sein, dass Theologie als rationaler Erkentnisprozess nicht der Koenigsweg zur Nachfolge Jesu ist, wie das in unserer humanistisch gepraegten Gesellschaft oft unbewusst angenommen wird?

  4. Gofi

    Wir sollten nicht den Fehler machen, die Theologie mit dem geistlichen Leben eines Menschen und der Beziehung mit Gott zu verwechseln. Wenn nach 1Kor 13 sogar alle Offenbarung Stückwerk ist, dann ist es die Theologie erst recht. Trotzdem gibt es die totale Einheit mit Gott, ungeachtet unseres mangelhaften Verständnisses.

  5. Gofi

    Ich stimme Daniel übrigens nicht zu, dass die Bibel nur ‘kulturell bedingt’ ist. Das Reden Gottes spricht in die Kultur hinein, findet den kulturellen Umständen entsprechend statt, transzendiert sie aber auch und hinterfragt sie. Leslie Newbeggin hat dazu einiges zu sagen.

  6. Simon

    Daniel hat ja meines Erachtens auch nicht gesagt, dass die Bibel NUR kulturell bedingt ist, sondern vielmehr, dass sie AUCH kulturell bedingt ist und eben nicht nur “das reine Wort Gottes”. Ich denke, man kann mit Karl Barth sogar sagen, dass die Bibel überhaupt nicht das Wort Gottes ist, sondern das Wort Gottes bezeugt.

  7. Daniel

    Da du, Gofi, ja auf Lesslie Newbigin verweist möchte ich ihn einfach mal kurz dazu zitieren:

    „Weder am Anfang noch irgendwann später kann es ein Evangelium geben, das nicht in eine bestimmte kulturell geprägte Form von Worten gefaßt ist. Die Vorstellung man könnte zu irgendeiner Zeit auf irgendeine Weise ein reines Evangelium herausdestillieren, unverfälscht durch irgendwelche kulturellen Zutaten, ist eine Illusion. Ja, sie ist geradezu ein Verrat am Evangelium, denn das Evangelium handelt vom fleischgewordenen Wort. Wo immer das Evangelium in Worte gefaßt wird, steht es unter dem Einfluß der Kultur, zu der diese Worte gehören. Und jede Lebensweise, die die Wahrheit des Evangeliums ausdrücken will, ist eine kulturell bestimmte Lebensweise. Ein kulturfreies Evangelium wird es niemals geben. Und doch stellt das Evangelium, selbst ganz und gar in kulturell geprägten Formen ausgedrückt, alle Kulturen in Frage, einschließlich derjenigen, in der es sich zum ersten Mal darstellte.“
    (Lesslie Newbigin, Den Griechen eine Torheit, 9f.)

    Mich würde darüber hinaus noch interessieren wie sich für dich Reden Gottes zu Bibel verhält und inwiefern eine Unterscheidung zwischen Spiritualität und Theologie in diesem Zusammenhang aussehen könnte und weshalb sie wichtig ist.

    Simon spricht mir natürlich aus dem Herzen und ich würde mit Barth und der Bibel (die in den zu ihr gezählten Schriften nie als „Wort Gottes“ bezeichnet wird) die Bibel nicht als „Wort Gottes“ bezeichnen und auch davon sprechen dass sie ’Offenbarung Gottes‘ bezeugt…

  8. [depone] | Daniel Ehniss » Blog Archive » kontextuelle Theologie

    [...] dem ZeitGeist-Blog gibt es ein interessantes BlogGespräch über kontextuelle Theologie – willst du [...]

  9. Peter

    @ toby: Das mit der Sprache Gottes verstehe ich nicht. Die kennen wir doch – Hebräisch und ein bißchen Griechisch.

    Im Ernst: Ich finde die Idee einer zeitlosen, reinen Offenbarung schwierig, vor allem, wenn sie so gewaltsame Assoziationen weckt wie Dein Zitat von Schütz.

    Vielleicht ist also auch Gottes Reden immer kontextuell – nicht nur unsere Theologie?

  10. toby

    @Peter: Genau das will Schütz ja sagen. Alles Reden Gottes, so wie wir es verstehen, ist kontextualisiert, sonst könnten wir es gar nicht verstehen.

  11. Arnachie

    Gute Frage und gute Perspektiven in den Kommentaren find ich!
    @ Fred:
    das ist interessant. Ich glaube, es gab schon einen theologischen Diskurs nur der war (und ist es in orientalischen Ländern wohl noch heute) eher in der Form eines juristischen Diskurses; dann wurde er (schon bei den Kirchenvätern, nicht etwa erst mit der Aufklärung) in der Form eines philosophischen Diskurses geführt. Vielleicht sieht ja die Zukunft so aus, dass Theologie eher poetische Ausdrucksformen findet.

    @Gofi:
    Ich denke man kann schon sagen, dass es kein “supra Evangelium” gibt, einen Wesenskern, einen abstrakten Satz, den man dann einfach in die Kultur übersetzt (für viele wäre das wohl Joh. 3:16). Übrigens war es doch vor allem die Liberale Bewegung, die so ein Destillat gesucht hat (was ist Entmythologisierung anderes?)
    Und wenn man sagt, dass das Evangelium jede Kultur herausfordert, heißt das doch dass es in einer Form geschehen muss, wie sie die jeweilige Kultur versteht. Ein Evangelium, dass man so konstruiert, dass es das westliche Konsumdenken hinterfragt, würde Leute in der Dritten Welt vielleicht gar nicht so sehr herausfordern….

    @ all:
    Eine Frage: Ich geh davon aus, dass es immer eine Spannung gibt zwischen Inkarnation und Identiät (oder old school gesagt: Texttreue, also dass ein übersetztes Evangelium sich in den Texten der Bibel wiederfinden muss). Nur: was sind Kriterien mit denen man herausfindet, ob eine Konbstruktion des Christentums “den Bogen überspannt” und nicht mehr genuin christlich ist? Man könnte zB Wort und Geist als ein kosntruiertes Evangelium ansehen, dass die Defizitorientierung in Deutschland hinterfragt.

  12. Gofi

    @ Daniel:
    Stimmt, Daniel, an genau diese Stelle bei Newbigin hatte ich gedacht. Wenn ich ihn richtig verstehe, dann ‘passiert’ das Evangelium in der Kultur, vermittels der Kultur, steht aber dennoch über der Kultur, weil sie die bestehende Kultur herausfordert, kritisch hinterfragt und es sogar darauf anlegt, sie teilweise zu verändern (nämlich da, wo sie dem Evangelium widerspricht).

    Das macht ja schon der Begriff ‘Evangelium’ deutlich Ursprünglich ein politischer Begriff der römischen Machthaber, später von den Christen aufgegriffen und umdefiniert (und noch viel später völlig entpolitisiert …).

    Okay, möglichwerweise sind wir derselben Ansicht.

    Noch zu deiner einen Frage:
    Theologie ist für mich Teil eines rationalen Zugangs zu Gott. Und damit ist sie Teil eines Teils einer ganzheitlichen Spiritualität (zu der auch Fühlen und Handeln gehören).

    @Arnachie:
    Als Evangelist bin ich oft mit dem Versuch beschäftigt, das Evangelium auf eine kulturell relevante Art zu kommunizieren. Und natürlich ist das nicht nur eine kommunikative Leistung, sondern vor allem auch eine theologische. Jede Form der Versprachlichung und Neuformulierung ist ja auch eine Interpretation. Woran aber orientiere ich mich beim Evangelisieren, wenn ich nicht davon ausgehen kann, dass es jenseits aller Kontexte und Beschaffenheiten so etwas gibt wie das ‘reine Evangelium’? Was bleibt, bei aller Kontextualisierung, die inhaltliche Konstante?

  13. Simon

    @ Gofi: Ich wüsste gar nicht, was hinter dem Begriff eines solchen “reinen Evangeliums” überhaupt stecken könnte und auch, welche Bedeutung es hätte, wenn es sozusagen unzugänglich wäre.

    Statt dessen möchte ich mich lieber darauf verlassen, dass jenseits aller Kontexte und Beschaffenheiten derjenige ist, der selbst von sich als der Wahrheit spricht. Wenn Wahrheit aber eine Person ist und kein Theorem, dann kann von Wahrheit auch immer nur relativ gesprochen werden und nicht absolut, wie ich bei HaSo kürzlich gelernt habe.

  14. Danny

    Alles ist kontextualisiert. Jesus kontextualisierte sich, in dem er sich dem Mensch selbst als Theologie geboten hat – wurde Jude. Die Bibel ist auch kein Buch, das “rein” vom Himmel gefallen ist, sondern in ein Ort, eine Zeit und eine Kultur eingebettet ist. Ich denke nicht dass das Evangelium “rein” ist – ich denke das Evangelium ist eine sehr schmutzige, andere,

    Wahrheit ist relativ.
    Wahrheit ist nicht relativ.
    Beides stimmt.
    Gleichzeitig.

    Die Wahrheit – oder wie es Salomo als “Weisheit” oder der Apostel Johannes als “das Wort” bezeichnet hat, ist ohne Bezugspunkt in einer Kultur bedeutungslos und sinnlos. Die Wahrheit ist in dem Sinn relativ, dass sie relativ zu uns spricht (das Evangelium ist facettenreich, sonst hätten wir ja nur 1x Evangelium und nicht 4x im Neuen Testament) – uns dort trifft, wo wir stehen. Ist das Evangelium für einen Juden oder einem Römer gleich? Jein.

    Ja, weil Jesus das Evangelium ist. Er bleibt das Evangelium, egal in welchem Kontext das geschieht. Das Kreuz ist und bleibt zentral.
    Nein, weil die Botschaft in zwei “Sprachen” übersetzt werden musste (Matthäus für die Juden, Markus für die Römer).

    Ein sehr guter Artikel zu diesem Thema hat Michael Frost geschrieben: “Translating the Gospel” (http://www.cegm.org.au/articles/translating-the-gospel.html).

    Für mich, als weißen protestantischen Mittelklässler in Aschaffenburg bedeutet das Evangelium etwas anderes als für eine alleinerziehende Mutter in Buenos Aires, die es kaum packt, ihr Kind zu ernähren. Ist das Evangelium für uns gleich? Ja und nein.

    my 2 cents

    adios
    Danny

  15. tobiK

    Interessante Diskussion. Zu der Frage nach einem ‘reinen Evangelium’: Ein solches, das als ein Kern einer jeglichen Kontextualisierung des Evangeliums in eine spezifische Kultur existiert, anzunehmen, ist glaube ich ein typischer Kategorienfehler.

    Wenn ich in die Universität gehe und mich im Hörsaalgebäude befinde und jemanden frage ‘Ja, aber wo ist denn nun die Universität?’, dann begehe ich einen Kategorienfehler. Die Universität ist eben nicht auf der gleichen kategorialen Ebene zu finden, wie die einzelnen konkreten Gebäude. Ähnlich denke ich, dass es kein reines Evangelium jenseits von Kultur geben kann, weil das Evangelium auf einer anderen kategorialen Ebene existiert. I

    m Anschluss an Newbigin, der auch für mich da sehr wichtig war, sehe ich die Kultur als das Medium in und durch das sich das Evangelium ausdrückt bzw. es kann uns als stets enkulturalisierte Menschen in enkulturalisierter Form begegnen. Gleichzeitig stellt es jede Kultur vom Kopf auf die Füße und fordert diese heraus, aber eben nicht auf die Art und Weise, dass Kultur gegen Evangelium auf einer Ebene sich gegenüber stehen, wie Gegner im Boxkampf, denn beide gehören verschiedenen Ebenen an.

    Die Gefahr dabei ein reines Evangelium anzunehmen, liegt ja darin, das eigene Verständnis zumindest partiell zum ‘reinen Evangelium’ zu machen und gegen andere Verständnisse des Evangeliums auszuspielen. Wie oft hat sich die westliche Kultur reproduziert, nur weil sie in Verkleidung eines ‘reinen Evangeliums’ aufgetaucht ist?

    Die Frage, die sich mir viel eher stellt, was ist denn die Kultur? Gibt es einzelne, in sich geschlossene Kulturen? Und falls es keine geschlossenen Kulturen gibt, was bedeutet das für die Kontextualisierung des Evangeliums? Und wenn meine Kultur nicht einfach eine Brille ist, die ich abnehmen und analysieren kann, sondern sich in der spezifisch fleischgewordenen Form meiner Augen ver_körpert, wie kann ich mich gegen meine Kultur verschwören? Welche Rolle spielt dabei der heilige Geist? Welche die Bibel? Und welche das kulturell Andere und Fremde?

  16. DoSi

    Ich gehe noch einen Schritt zurück hinter die Frage von tobiK.

    Ich denke, Erleben (Reden, Handeln, etc.) Gottes geschieht unmittelbar in einer Situation. Ein singuläres Ereignis. Dieses wird aufgeschrieben. Im Prozess des Aufschreibens wirkt Gott, so daß das Ergebnis (die Schriften der Bibel) göttlich und menschlich ist – gottgehaucht aber von Menschen auf ihre höchst persönliche Weise geschrieben. Damit ist die Schrift nicht mit dem “Wort Gottes” gleichzusetzen. “Logos tou Theou” bezieht sich im NT nie auf Schriften des AT, sondern auf konkretes Reden Gottes. Für mich ist die Bibel damit auch “Membran der Stimme Gottes”. Aber Gottes Reden geschieht auch durch die Bibel in direkter Weise zu mir. Als Exeget frage ich: “Was hat das damals konkret historisch bedeutet?” Als Nachfolger frage ich: “Was willst Du, Gott, mir heute dadurch sagen?” Das sind zwei unterschiedliche Fragen. Ich suche nicht zwingend nach Prinzipien, die ich herausfiltern kann, sondern strebe nach der Umgestaltung durch den Heiligen Geist. Meiner Ansicht erwächst Erkenntnis bzw. Weisheit für eine konkrete Situation aus der Beziehung zu Christus und zur Gemeinde, aus dem Hören auf die Stimme des Geistes und dem lebenslangen Studium der Schrift. Dabei geht es mir um den roten Faden, um die “Idee Gottes”, nicht um einen singulären proof-text. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Was ist denn “das Evangelium”? Ein Vers – vielleicht gar Joh 3,16? oder Mk 1,15? oder Röm 1,17? Nein: Das Evangelium ist die von Gott in Christus ausgehende Anrede bzw. das Handeln von Gott in Christus mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen. Das läßt sich nicht in einem Satz zusammenfassen – Wir haben vier “Evangelien” in der Schrift, und jedes einzelne von ihnen ist erst in seiner Ganzheit “Evangelium” – nicht ein Destillat daraus.
    Diesen roten Faden der Schrift gilt es in den jeweiligen Kontext zu übersetzen – zu “trans-portieren”.

  17. Gofi

    Ich werde durch diese Diskussion echt angeregt. Vielen Dank euch allen. Vielleicht darf ich aber noch eine weitere Frage nachschieben:

    Was ist es dann, dass die Bibel zu einer Autorität macht? Warum sollten wir dann nicht auch, so wie die Autoren der Bibel, unsere Erlebnisse mit Gott, unsere privaten Offenbarungserlebnisse verschriftlichen, der Bibel hinzufügen und ihnen dann dieselbe Autorität beimessen?

  18. Andib

    @Gofi: Ich meine, die Bibel wird dadurch zur Autorität, dass sie sich um die Person Jesus Christus “kristalisiert” hat.
    Zu unseren persönlichen Erlebnissen: Ich meine wir können gar nicht anders, als ihnen die gleiche Autorität zuzumessen, wie den Gotteserfahrungen anderer Menschen. Und ich meine das tun wir auch. Wenn ich mein Glauben und Predigen anschaue, ist es das Ergebnis meiner Gotteserfahrungen (Bibellesen, Theologie, Gottesdienste, Natur, Gebet, Versenkung, Gemeinschaft). Der massgebliche Unterschied ist, dass manch Andere face-to-face Erfahrungen mit Jesus hatten. Daher ist die Bibel mein vorzüglicher Gesprächspartner unter anderen vorzüglichen Gesprächspartnern.

  19. [depone] | Daniel Ehniss » Blog Archive » Übersetzung

    [...] wir davon ausgehen, dass alle Theologie kontextuelle Theologie ist – also auf die eine oder andere Weise mit dem kulturellen Kontext zusammenhängt – dann ist [...]

  20. ron

    Lieber Tobias,
    danke für die Einladung, an der Diskussion im ZeitGeist-Blog teilzunehmen. Ich habe mir den Thread “Alle Theologie ist kontextuelle Theologie” angeschaut und bin von der Fülle der dort angesprochenen Themen ziemlich erschlagen. Es geht dort um Fragen wie:
    • Ist die Bibel Gottes Wort (z.B. Daniel u. Tobi)?
    • Ist Theologie kontextuell oder sogar immer ein menschliches Konstrukt (z.B. Fred)?
    • Was ist das Evangelium (z.B. DoSi)?
    • Wie verhalten sich Evangelium und Kultur zueinander (z.B. tobiK)
    Nach wie vor zweifle ich daran, dass ein Blog für eine produktive Debatte zu Themen, die eigentlich in eine Vorlesung über Fundamentaltheologie bzw. Religionssoziologie gehören, gut geeignet ist. Ich halte mich da Alan Jocobs:
    “Right now, and for the foreseeable future, the blogosphere is the friend of Information but the enemy of thought.”
    (Nebenbemerkung: Eine Sache fiel mir ganz spontan auf: Anders als Simon und DoSi bin ich der Auffassung, dass es Belege dafür gibt, dass Schriftworte des AT’s im NT als Wort Gottes bezeichnet werden. Das wahrscheinlich eindrücklichste Beispiel ist bei Mk 7,8–13 zu finden und stammt damit von Jesus selbst. Die Aussage in Vers 13: “Ihr hebt das Wort Gottes auf [logon tou thou]“, bezieht sich eindeutig auf das 5. Gebot (reformierter Zählung) in Vers 10.)
    Anstatt mich auf diese Fülle von Themen einzulassen, würde ich gern meine Äußerungen zu Evangelium, Kultur und Karl Barth ergänzen bzw. vertiefen. Ich hoffe, das geht in Ordnung.
    Zu den Lebzeiten von Karl Barth gab es das Konzept der Kontextualisierung (70er Jahre) und die Emerging Church (EmCh, Ende der 90er Jahre) noch nicht und es ist deshalb nicht in jeder Hinsicht korrekt, Barth ins Spiel zu bringen. Doch manche Grundeinsichten der EmCh erinnern mich an das, was wir im Kulturprotestantismus schon einmal erlebt haben. Zum Beispiel:
    • Synthese von Christentum und Kultur.
    • Versöhnung von Frömmigkeit und liberaler Wissenschaft.
    • Weg von der Subkultur, als Christen die ganze Gesellschaft prägen. (Wie Sauerteig sollte der evangelische Glaube in Kultur und Gesellschaft aufgehen.)
    • Ineinssetzung von Reich Gottes und Weltverbesserung.
    Aber was passierte damals tatsächlich? Der Protestantismus wurde immer stärker von der ihn umgebenden Kultur vereinnahmt. Nicht Kirche formte Kultur, sondern die Kultur veränderte das Selbstverständnis der Kirche.
    Diese Versöhnung von Christentum und Kultur führte auch zu einem neuen Verständnis von Offenbarung. Der Offenbarungsbegriff wurde auf die Kultur und das Volkstum ausgedehnt. Die Deutschen Christen verstanden letztlich die deutsche Rasse als eine von Gott geschenkte Lebensordnung.
    (Nebenbemerkung: Diese Synthese von Glaube und Kultur übte damals bekanntlich auch auf konservative Christen eine enorme Anziehungskraft aus, weil zunächst konservative Werte gefördert wurden, vgl. z.B. Erich Sauer oder das Weisse Kreuz).
    Karl Barth stürzte dieser Kulturprotestantismus in eine Krise. Zum einen machte er die Erfahrung, das er seiner Gemeinde im kleinen Dorf Safenwill nichts mehr zu sagen hatte. Er verkündigte den Leuten ihre eigene Kultur, aber kein Evangelium, das von Gott kommt. Schließlich bemerkte er, wie seine Lehrer immer stärker von den Herrschenden dieser Welt instrumentalisiert wurden ohne es zu merken. Zu seinem Entsetzten fand Barth auf der Liste der Unterzeichner des so genannten “Manifest der 93 Intellektuellen” auch die Namen seiner Lehrer Adolf Harnack und W. Herrmann, die damit die Kriegspolitik von Kaiser Wilhelm II. unterstützten. 40 Jahre später schrieb Barth darüber:
    “Irre geworden an ihrem Ethos, bemerkte ich, daß ich auch ihrer Ethik und Dogmatik, ihrer Bibelauslegung und Geschichtsdarstellung nicht mehr werde folgen können, daß die Theologie des 19. Jahrhunderts jedenfalls für mich keine Zukunft mehr hatte.”
    So begann Karl Barth, ganz neu über Offenbarung nachzudenken. Die Theologie konnte seiner Meinung nach von Gott nicht mehr so weiterreden wie bisher. Barth setzte sich sogar mit der Frage auseinander, ob man von nun an überhaupt noch von Gott reden könne.
    Das Ergebnis dieser Krisis war die Neo-Orthodoxie. Barth kam zu der Überzeugung, dass die Synthese von Kultur und Evangelium den christlischen Glauben korrumpiert hatte. Wir müssen wieder ganz neu anfangen, auf das Wort Gottes zu hören, und zwar nur auf das Wort Gottes. Und so entstanden starke Aussagen wie:
    “Den Inhalt der Bibel bilden gar nicht Menschengedanken über Gott, sondern die rechten Gottesgedanken über den Menschen. Nicht wie wir von Gott reden sollen, steht in der Bibel, sondern was er zu uns sagt, nicht wie wir den Weg zu ihm finden, sondern wie er den Weg zu uns gesucht und gefunden hat … Das steht in der Bibel. Das Wort Gottes steht in der Bibel.”
    Oder:
    “Wenn ich ein ‘System’ habe, so besteht es darin, daß ich das, was Kierkegaard den ‘unendlichen qualitativen Unterschied’ von Zeit und Ewigkeit genannt hat, in seiner negativen und positiven Bedeutung möglichst beharrlich im Auge behalte. ‘Gott ist im Himmel und du auf Erden.’ Die Beziehung dieses Gottes zu diesem Menschen, die Beziehung dieses Menschen zu diesem Gott ist für mich das Thema der Bibel und die Summe der Philosophie in Einem. Die Philosophen nennen diese Krisis des menschlichen Erkennens den Ursprung. Die Bibel sieht an diesem Kreuzweg Jesus Christus.”
    Im Blick auf die Kontextualisierung finde ich die ersten Sätze seines Römerbriefkommentars besonders wichtig:
    “Paulus hat als Sohn seiner Zeit zu seinen Zeitgenossen geredet. Aber viel wichtiger als diese Wahrheit ist die andere, daß er als Prophet und Apostel des Gottesreiches zu allen Menschen aller Zeiten redet. Die Unterschiede von einst und jetzt, dort und hier, wollen beachtet sein. Aber der Zweck der Beachtung kann nur die Erkenntnis sein, daß diese Unterschiede im Wesen der Dinge keine Bedeutung haben.”
    Angesichts solcher Aussagen, kann ich nicht nachvollziehen, warum die EmCh Karl Barth für sich in Anspruch nimmt. Darüber hinaus befürchte ich, dass EmCh-Kreisen ähnliches widerfahren könnte, was der damalige Kulturprotestantismus erfahren hat: Das Evangelium wird von der Gegenwartskultur verschluckt.
    (Nebenbemerkung: Ich bin kein Barthianer und finde, dass der Schweizer überzogen und Gott zu weit transzendiert hat.)
    Natürlich ist Kulturfeindlichkeit keine wirkliche Alternative. Aber Thesen: “Wir brauchen eine Synthese von liberaler und evangelikaler Theolgie” (z.B. Tobias K.) führen bei mir fast zum Atemstillstand. Wie kann jemand über die Krise der Moderne philosophieren und gleichzeitg behaupten, in der Versöhnung mit der modernistischen Theologie läge ein Chance?
    Es gibt hier viel Gesprächs- und Denkstoff, für mich besonders über die möglichen Alternativen zur heutigen Situation. Die EmCh hat m.E. viele Fehlentwicklungen im Evangelikalismus trefflich diagnostiziert, denn auch weite Teil der evangelikalen Bewegung sind (blind) von Gegenwartskultur überfemdet worden. Nochmal: Die Ansätze von Thomas Weißenborn finde ich sehr ermutigend. Vielen Dank dafür!
    Liebe Grüße, Ron
    P.S. Ist es o.k., wenn ich den rein inhaltichen Abschnitt des Beitrages auch in meinen Blog stelle?

  21. toby

    Vielen Dank. Das ist doch ein guter Anfang. Ich stelle den Post auf den ZeitGEist blog, damit alle (Angesprochenen) auch mitdiskutieren können. Du kannst deine Teile natürlich bei dir veröffentlichen.Ich werde die nächsten Tage sicher etwas ausführlicher auf deinen Post eingehen, nur so viel vorne weg, der Vergleich zwischen dem Kulturprotestantismus und emerging church mag sich zwar wegen dem großen Thema “Kultur und Evangelium” aufdrängen und auch sonst gibt es sich einige Parallelen (Reich Gottes, Gesellschaftsveränderung etc.), aber die gibt es sich auch bei anderen Epochen (Spätpietismus z.B.). Außerdem halte ich die geschichtlichen Übertragungen für gefährlich, da historische Situationen einmalig und nicht einfach übertragbar sind. Das heißt nicht, dass wir aus der Geschichte nichts lernen können oder sollen. Ich sehe emerging church viel grundsätzlicher in der Korrelation des Paradigmenwechsel Moderne/Postmoderne mit dem Evangelium. Und da sind sicher noch viele Fragen offen, da gibt es viel zu lernen und da sind noch einige Diskurse zu führen. Darauf freue ich mich schon.

  22. TheoBlog » Karl Barth und die Kontextualisierung

    [...] über das Buch und die Rezension können im Blog von Tobias Faix und auf der Internetseite Zeit-Geist.info verfolgt werden. Tobias hat mir freundlicherweise erlaubt, ›substantielle Beiträge‹ [...]

  23. toby

    Lieber Ron,
    vielen Dank für deinen Beitrag. Ich finde, dass du in der Rezension und auch in deinem ersten Beitrag sehr viele gute und auch berechtigte Fragen gestellt hast. In deinem neuen Beitrag gehst du mit „Karl Barth und die Kontextualisierung“ ein interessantes Thema an, welches aber nicht die Bedeutung hat, die du ihr gibst und vor allem deine kausalen Zusammenhänge sind mir manchmal nicht ganz klar. Also, das ZeitGeist Buch ist kein Buch über die emerging church Bewegung, sondern, wie der Titel schon verrät, über „Kultur & Evangelium“ und das speziell für den deutschen Kulturraum. Ob die emerging church Bewegung Karl Barth für sich in Anspruch nimmt oder gar nehmen darf, wie du behauptest, kann ich überhaupt nicht beurteilen. Wer gehört überhaupt zur emerging church Bewegung in Deutschland? Und wer teilt das ein? Gibt es da drin und draußen? Modern und Postmodern? Und warum ist das überhaupt wichtig? Sind inhaltliche Fragen nicht wichtiger? Das Zitat von Karl Barth (Die wirkliche Gemeinde Jesu Christi ist die von Gott in und mit ihrer Begründung in die Welt gesendete Gemeinde. Eben als solche ist sie für die Welt da. Karl Barth KD IV 3, S.878) passt sehr gut zu dem Buch und zur darin gestellten Frage in wie weit die Gemeinde Jesu einen Auftrag für diese von Gott geliebte Welt hat. Karl Barth hat überhaupt mehr zu bieten, als nur eine Kritik am Kulturprotestantismus. Aber wem sage ich das.

  24. DoSi

    @Ron:
    Kurze Anmerkungen:
    - zu »Logos tou Theou«: Die Stellen, die Du zitierst, setzen LtT mit auch im AT klar als Aussprüche Gottes zitierten Aussagen gleich. Aber ist der Satz: “Und die Söhne Jakobs zogen hinauf nach Ägypten” auch (ein) Wort Gottes?
    - mir geht es darum, die Engführungen liberaler UND konservativer Theologie der Moderne zu überwinden und mich beschäftigt die Frage nach einem neuen Ansatz, der der Bibel gerecht wird, aber nicht der Ratio versklavt ist
    - der EmCh geht es darum, von ALLEN Traditionen zu lernen – auch und gerade von Karl Barth

  25. tobiK

    @Ron: Schön, dass Du Dich an der Debatte beteiligst. Natürlich ist das ein schwieriges Unterfangen, so komplexe Thematiken auf diese Art und Weise zu diskutieren – ich denke jedoch: besser als gar nicht. Denn geschieht das wirklich in Vorlesungen zu Fundamentaltheologie? Und was ist mit denen, die solche Vorlesungen nicht besuchen?

    Doch zum Thema: Zuerst einmal möchte ich ganz klar von mir weisen, dass ich eine Synthese von von liberaler und evangelikaler Theologie für wünschenswert halten würde. Ich schrieb: „Man kann also keinesfalls sagen, dass das Denken in der Postmoderne keine Rolle spielt, aber es verändert sich, wird ‚ganzheitlicher’ (auch wenn dieses Wort im Deutschen schrecklich klingt) und ‚systemischer’. So werden z.B. viele dualistische Gegensatzpaare (wie Denken vs. Fühlen, Inhalt vs. Form, Individuum vs. Gesellschaft, Evangelikal vs. Liberal, etc.) in denen wir gewohnt sind zu denken, in Frage gestellt und es wird versucht einen dritten Weg zu finden, der das Positive der vorher einander entgegengesetzten Seiten integrieren kann.
    Das Instrument des ‚postmodernen Denkens’ ist somit nicht mehr die Analyse, sondern die Synthese. Man denkt nun nicht mehr von den einzelnen Teilen her, sondern von dem Ganzen.“
    Man beachte dabei bitte den Absatz, der anzeigen soll, dass ein neuer Gedanke erfolgt. Die Synthese bezieht sich also nicht auf die Dualismen.

    Vielleicht ist das Wort ‚Synthese’ hier auch schlecht von mir gewählt, weil das immer nach billigem Zusammenklatschen klingt, gemeint war hier jedoch das Gegenteil von Analyse, also ein Denken, das vom Ganzen und nicht von den Teilen her denkt.
    Im Absatz davor ging es mir um die Problematik von dualistischen Kategorien, die in ihrer Logik nur oppositional, also als Gegeneinander gedacht werden können. Solche dualistische Kategorien haben oft gemeinsame blinde Flecke, weil sie gemeinsame implizite Annahmen teilen, die, solange man in diesen Kategorien denkt, jedoch nicht bewußt werden können. Ausweg daraus kann nur die Suche nach einem dritten Weg sein, also der schwierige Versuch die gewohnten Kategorien zu transzendieren. Dies ist im Falle eines Gelingens gerade keine Synthese (im herkömmlichen Sinne, also ein einfaches Zusammenschütten von Elementen aus beiden). Ich gebe zu, dies ist einigermassen abstrakt und im Artikel notwendigerweise auch sehr verkürzt dargestellt.

    Und was die Synthese aus Christentum und Kultur anbelangt, ich kenne niemanden der einen solchen Schwachsinn vertreten würde. Dazu steht ja im Buch auch gerade das Newbiginzitat am Anfang, weil dort deutlich wird, dass das Evangelium sich stets nur in Kultur ausdrücken kann, gleichzeitig jedoch nicht mit diesem gleichgesetzt werden kann, vielmehr jede Kultur in Frage stellt.
    Von daher kann ich auch den Vergleich mit dem Kulturprotestantismus überhaupt nicht verstehen, vor allem, weil dieser doch einen ganz anderen Kulturbegriff (im Sinne von Hochkultur) hatte und es im Buch wie auch bei Newbigin eher um einen Kulturbegriff geht, der an den englischsprachigen Begriff ‚culture’ angelehnt ist. Aber dazu hoffe ich bald mal mehr schreiben zu können.
    Ich hoffe, es ist mir ein bisschen gelungen Deine und meine Atemnot zu lindern.

  26. Ron

    Lieber Tobias,

    vielen Dank für Deine Antwort!

    Auch mir geht es weniger um Karl Barth als um die Inhalte. Ich habe den reformierten Barth auch deshalb zitiert, weil er in diesen Texten das „Allein die Schrift“ (sola scriptura) verteidigt. Barth sagt ungefähr: Kultur ist interessant, Kultur ist ein Auftrag, Kultur ist wichtig. Aber bitte verwechselt und vermischt mir nicht Kultur mit dem Wort Gottes! Unsere Norm für die Theologie ist das, was Gott sagt, nicht das, was eine Gesellschaft für richtig oder möglich hält. Der Mensch ist nach Barth nicht befugt, neben dieser Norm „noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung“ anzuerkennen. In seinem Entwurf von der Königsherrschaft Christi betont er, dass Christus Herr über alle Lebensbereiche der Welt ist und weder irgendeine Kultur noch ein Staat vor Gott ein eigenes autonomes Recht beanspruchen darf.

    Viele Stimmen in der EmCh finden für das sola scriptura leider nur noch verachtende Worte (z. B. Brian McLaren). Wie Du schreibst, ist ZeitGeist kein Buch über die Emerging Church. Ich finde allerdings, dass das Buch im ‚Geiste‘ dieser Bewegung geschrieben ist und sich nach einer Information auf der Rückseite des Buchcovers genau den Fragen, die im deutschen EmCh-Kontext auftauchen, stellen will.

    Ich finde es bemerkenswert, dass nur 60 Jahre nach dem Trauma „Deutsche Christen“ dieser erweiterte Offenbarungsbegriff eine neue Anziehungskraft ausübt. Damals hieß es: Wir müssen in der christlichen Verkündigung die großen maßgeblichen Erkenntnisse unserer Zeit und Gottes Taten an unserem Volk einbeziehen. Heute heißt es:

    “Aus der Pflicht zur Kontextualisierung [des Evangeliums] folgt implizit die Absage an die ältere evangelikale Vorstellung von Theologie als Wahrheit, die allein auf der Grundlage der Bibel hergestellt wird. Der Theologe kann sich nicht länger auf die Schrift als die eine vollständige theologische Norm konzentrieren. Stattdessen erfordert der Prozess der Kontextualisierung eine Bewegung zwischen zwei Polen, der Bibel als Quelle für die Wahrheit und der Kultur als Quelle für die Kategorien, mit denen der Theologe die biblische Wahrheit ausdrückt” (Stanley J. Grenz, Revisioning Evangelical Theology, 1993: 90).

    (Nebenbemerkung: Ob nun EmCh oder nicht, ob nun EmCh in Deutlschland oder Nordamerika: Stanley Grenz ist ein einflussreicher Ideenlieferant für das Thema Kultur und Evangelium in der Postmoderne und das Konzept der Kontextualisierung.)

    Damit bin ich auch schon bei einer sehr konkreten inhaltlichen Frage, die Deinen Aufsatz im Buch ZeitGeist betrifft. Was meinst Du, wenn Du schreibst: “Gott redet in und durch die jeweilige Kultur” (33)?

    Ist das eher in dem Sinn zu verstehen, dass Gott Kultur (als ‚Mittel‘) benutzt, um das eine Evangelium zu kommunizieren? Das wäre die traditionelle Position (Position T): Ein unveränderliches Evangelium für alle Menschen in einer sich verändernden Welt. Das Evangelium ist nicht kulturfrei, aber es kann in verschiedene Kulturen inkarnieren ohne „anders“ zu werden (vgl. 2Kor 11,4 oder Gal 1,6–9). Christen kämpfen deshalb für den Glauben, „der ein für alle Mal den Heiligen überliefert ist“ (Jud 3). Position T bedeutet also, um es nochmals mit Karl Barths Worten zu sagen: „Die Unterschiede von einst und jetzt, dort und hier, wollen beachtet sein. Aber der Zweck der Beachtung kann nur die Erkenntnis sein, daß diese Unterschiede im Wesen der Dinge keine Bedeutung haben.“

    (Nebenbemerkung: Ob sich in dieser Welt wirklich alles verändert, ist eine interessante Frage. Im Rahmen des postmodernen Denkens verändert sich in der Tat alles. Auch die Natur des Menschen, Geschlechter und Geschlechterrollen, moralische Kategorien etc. sind einem anhaltenden Transformationsprozess unterworfen. Der Prediger sagt (1,9): “Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne.”)

    Oder ist Deine Aussage eher in folgendem Sinne zu verstehen: Gott spricht zu uns durch den „Geist der Kultur“? Die Kultur selbst ist inhaltlich Bestandteil dessen, was Gott uns sagt. Dies würde eher dem Offenbarungsmodell von Grenz entsprechen und das Prinzip „Allein die Schrift“ verabschieden. Das Evangelium selbst verändert sich demnach durch die kulturbedingten Verstehenskategorien der Menschen. Hier gäbe es keinen Platz mehr für universelle Werte, überzeitliche Überzeugungen oder ein unveränderliches Evangelium. Das in der Heiligen Schrift überlieferte Evangelium ist hier nur eine Quelle für die Artikulierung eines zeitgemäßen Evangeliums. Ich will das einmal als ‚postmodernes‘ Offenbarungsmodell bezeichnen (Position P).

    Meines Wissens ist Position T unter überzeugten Christen seit 2000 Jahren selbstverständlich. Ich habe – auch in biblizistischen Kreisen – noch nie jemand getroffen, der Position T ernsthaft in Frage stellt. Sogar katholische Geistliche, die eine lateinische Messe einfordern, haben gegen eine gute Bibelübersetzung keine Einwände. (Im Islam sieht man das bekanntlich anders. Der Koran ist eigentlich nicht übersetztbar.)

    Die Position P bedeutet einen gewollten, offenen Bruch mit dem biblischen Anspruch sowie der reformatorischen Tradition und ist extrem anfällig dafür, dass Gegenwartskultur das Evangelium verdeckt und entstellt (siehe oben).
    Möglicherweise findest Du Dich weder in Position T noch in P wieder, sondern in einer Position X. Ich würde mich freuen, wenn Du Deine Auffassung erläuterst.

    Vielen Dank und liebe Grüße, Ron

  27. Ron

    Lieber Tobias K.,

    danke für Deine Antwort. Obwohl bei mir möglicherweise eine Erkältung im Anmarsch ist, fällt mir das Atmen wieder ein wenig leichter. Aber meine Lunge braucht noch mehr Sauerstoff. Zu den Einzelheiten:

    Nach wie vor verstehe ich Deinen Absatz so, als ob das Positive sowohl des Liberalismus als auch des Evangelikalismus beim Begehen eines dritten Weges zu integrieren sei. Ich beziehe mich dabei nicht auf den Begriff Synthese, sondern auf: “… und es wird versucht einen dritten Weg zu finden, der das Positive der vorher einander entgegengesetzten Seiten integrieren kann.”

    Möglicherweise gibst Du hier aber gar nicht Deine Meinung wieder, sondern die irgendwelcher Leute (Natürlich glaube ich Dir, wenn Du sagst: “Keinesfalls will ich diese Synthese”). Es ist meines Erachtens sehr schnell möglich, nachzuweisen, dass in EmCh-Kreisen die Versöhnung von Liberalismus und Evangelikalismus auf der Agenda steht. Es freut mich, dass Du Dich davon distanzierst.

    Was es bedeuten soll, gewohnte Kategorien zu transzendieren, kann ich mir in der Tat noch nicht richtig vorstellen. Geht es um eine Überwindung von Dualismen? Geht es um eine Art dialektische Denkbewegung, die dabei hilft, blinde Flecken auszuleuchten? Vielleicht kannst Du das an einem Beispiel erklären und mir damit auf die Sprünge helfen.

    Was die Synthese von Christentum und Kultur anbetrifft, gibt es wohl Bedarf, die Diskussion präziser zu führen. Ich habe in meinem Post an Toby mal versucht, einen Anfang zu machen.

    Der Begriff “Kulturprotestantismus” ist in der Tat unscharf und eignet sich in unserem Diskussionszusammenhang nur als eine Metapher. Aber dafür eignet er sich m.E. gut!

    Auf Deine Ausführungen zur Kulturproblematik bin ich gespannt.

    Shalom, Ron

  28. tobiK

    Lieber Ron,

    danke für Deine schnelle Reaktion. Also ich versuche es mal am Beispiel von evangelikal/ liberal. Wenn ich diese beiden als grundlegende Kategorien habe bzw. in diesen denke, bedeutet das für mich, dass ich z.B. alle Theologie in liberal oder evangelikal einteile (zwei Schubladen). Das eine ist dann gut, das anderen böse. Bzw. wer etwas differenzierter ist, der denkt sich evangelikal und liberal eher als zwei entgegengesetzte Pole zwischen die man eine imaginäre Linie ziehen könnte, auf der man nun – bewußt oder unbewußt – alle theologischen Ansichten plaziert.
    Das klingt zwar etwas simpel, genau das geschieht m.E. aber sehr häufig. Dies ist aber hoch problematisch.

    Erstens wird so alles, was nicht als evangelikal identifiziert werden kann, als liberal gebrandmarkt. Was in den vergangenen Jahrzehnten häufig dazu geführt, dass sowas wie ein Denkghetto bei den Evangelikalen entstanden ist, in dem immer wieder die gleichen Gedanken wiedergekaut wurden und man alles andere angeekelt ausgespeit hat (ich karikiere natürlich).

    Zweitens – und das ist langfristig viel problematischer – gibt es implizite Annahmen, die die klassischen evangelikalen wie liberalen Positionen gemeinsam haben, die aber überhaupt nicht wahrgenommen werden.

    Zum Beispiel sind beide als Reaktion auf die moderne, neuzeitliche (Natur-)Wissenschaft und deren Wirklichkeits- und Wahrheitsverständnis entstanden, was – auch hier vereinfacht ausgedrückt – dazu geführt hat, dass die Liberalen dieses auf die Bibel gestülpt haben (und alles abgeschnitten haben, was der wiss. Rationalität nicht entspricht) und die Evangelikalen dieses in die Bibel hineinprojiziert haben (und so z.B. oft die Bibel als ein in wiss. Rationalitätsverständnis verfasstes Werk angesehen haben).

    Ein anderersBeispiel wäre der individualtheoretische Zugang, der häufig den klassischen liberalen wie evangelikalen Positionen zugrundeliegt. Damit meine ich, dass vom einzelnen Menschen ausgegangen wird, dieser erster Bezugspunkt jeder Theologie ist und die Beziehung zu anderen Menschen sekundär ist. Wenn ich jedoch von einem intersubjektivitätstheoretischen Zugang ausgehe, bei dem ich der Tatsache gerecht werde, dass Menschen immer nur im Plural existieren und die Beziehung zu anderen Menschen der Beziehung des Menschen zu sich selbst nicht nachträglich ist, dann komme ich angesichts einer Relektüre der Bibel zu zahlreichen Positionen, die weder klassisch evangelikal noch liberal sind. Wenn ich diese Position jedoch formuliere, dann wird dabei natürlich nichts komplett neues herauskommen, sondern sie wird evtl. Elemente von evangelikalen und liberalen Positionen, wie neue Elemente beinhalten. Wer jedoch nur in den Kategorien von evangelikal und liberal denkt, dem wird das wie eine schlechte Synthese erscheinen. Wenn ich die amerikanische Debatte um EC verfolge, dann habe ich den Eindruck, dass genau dies häufig geschieht.

    Eine Versöhnung von Liberalismus und Evangelikalismus steht meines Erachtens nicht auf der Agenda – zumindest habe ich diese Position noch nie vernommen, gerade auch bei Brian McLaren nicht. Wohl aber geht es vielen um eine Überwindung dieser unglückseligen Kategorien und der Suche nach einer dritten Position. Daher die Label postevangelikal und postliberal, denen ich einiges abgewinnen kann.

    Ich hoffe, ich konnte mich halbwegs verständlich ausdrücken und wünsche Dir gute Besserung angesichts Deiner Grippe.

  29. tobiK

    Noch mal ich: Ich versuche meine Position noch mal am Beispiel Deiner Debatte mit Tobias und Position T und Position P klar zu machen. Beiden Positionen gemeinsam scheint das Verständnis des Evangeliums als eines Dinges, eines Gegenstandes der entweder mit sich identisch, also unverändert bleibt (Position T) oder aber sich verändert (Position P). Was aber wenn ich ernst nehme, dass das Evangelium ein kommunikativer Akt ist und daher nicht als Substanz, sondern relational gedacht werden sollte.

    Anders gesagt: Was der ‚sola scriptura’ Gedanke verschweigt oder übergeht, ist doch das Problem, dass man ‚die Bibel an sich’ bzw. die Bibel alleine, d.h. getrennt von jeder Kultur aus menschlicher Sicht überhaupt nicht gibt. Wenn ich beispielsweise einen Bibeltext lese, dann verstehe ich diesen nur aus meinem (kulturell, geschichtlich, biographisch etc. geprägten) Vorverständnis. Was die Bibel und was mein Bild von der Bibel ist, läßt sich schlicht nicht hundertprozentig auflösen (wenn man auch dagegen anarbeiten kann). Und das heißt, dass ich niemals eine hundertprozentige Sicherheit darüber haben kann, ob ich dem Text gerecht werde oder ihn von meinem Vorverständnis her (miss)verstehe.

    Nur weil für mich der Text (wie auch das Evangelium) aber nicht etwas rein dingliches (Objekt) ist (wie es mir mein kulturelles Vorverständnis nahe legt), dem ich mich als Subjekt annähere, sondern der lebendige Ausdruck eines lebendigen Subjekts, des Subjekts überhaupt, das mir durch den Text begegnen will, kann ich darauf vertrauen, dass der unwiderbringliche hermeneutische Zirkel kein ‘circulus vitiosus’ (Teufelskreis) ist und ich, indem ich mein Vorverständnis immer wieder hinterfragen lasse, Gott besser kennen lerne (in dem Sinn, wie ich einen anderen Menschen kennen lerne, da würde ich auch nie auf die Idee kommen, entweder zu behaupten ich würde ein objektives Wissen über diesen Menschen besitzen, noch ich würde nichts über ihn wissen, ihn also gar nicht kennen. Und ich würde auch nicht behaupten, dass dieser Mensch nur weil er sich ändert nicht mehr derselbe wäre).

    Ich würde ja im Prinzip zustimmen, dass es so etwas wie ein unveränderliches Evangelium gibt, in dem Sinne, dass im Endeffekt dasselbe herauskommt (die Verkündung von Gottes Herrschaftsanspruch, der zugleich Erlösung bedeutet). Nur ändert sich eben die kulturelle Form in der sich das Evangelium übermittelt und wir sind nicht dazu in der Lage aus dieser kulturellen Form das reine Evangelium herauszuschneidern (was s.o. auch ein Kategorienfehler wäre). Doch genau das geschieht doch so oft. Es wird ein unveränderliches Evangelium behauptet, was dann heißt, dass das eigenen Verständnis des Evangeliums das einzig wahre ist und letztlich dazu führt die eigenen blinden Flecken erst gar nicht zu untersuchen.

  30. Hufi

    Hallo Ron,

    auch mich freut es sehr, dass du hier mitdiskutierst.

    Es wäre super wenn noch mehr EmCh-Kritiker auf den “EmCh-Blogs” mitdiskutieren würden und umgekehrt. Oft versteht man erst dadurch die Meinung des anderen und manchmal erkennt man auch, dass es einen eigentlich um ähnliches geht (im Endeffekt sogar um das gleiche, oder?), man sich aber anders ausdrückt. Siehe auch die Diskussion bei: http://www.vries-land.de/ein-highlight-aus-greifswald

    Zu den Positionen T und P (die guten Beiträge von TobiK machen es zwar fast überflüssig…):
    Sagt Grenz wirklich, dass das Wesen des Evangelium sich verändert? Ich hätte das Zitat (mehr habe ich von Grenz nicht gelesen) eher so verstanden, dass sich sie die Kommunikation dieser (guten) Nachricht verändert. Die Quelle der Wahrheit bleibt aber weiterhin die Bibel. Und damit bleibt das Wesen des Evangeliums gleich. Wir müssen aber anerkennen, dass unser Verstehen und Mitteilen dieser Nachricht nie absolut sein kann, da wir als Menschen kultur/kontextbedingt sind.
    Ich sehe also nicht so den großen Widerspruch zwischen deiner Position T und dem Zitat von Grenz.
    Oder verstehe ich da etwas falsch?

    Soweit meine Gedanken/Fragen für heute,
    Hufi

  31. Ron

    Lieber Tobias K.,

    vielen Dank für Deine Erklärungen, die mir helfen, Deine Auffassungen besser zu verstehen. Manchmal ‚verhexen‘ bestimmte Begrifflichkeiten tatsächlich den Verstand (vgl. Wittgenstein). In diesem Fall scheint mich der Begriff ‚liberal‘ auf das Glatteis geführt zu haben. Ich will versuchen zu erklären, was ich damit meine.

    Ich assoziiere mit ‚liberal‘ die ‚Liberale Theologie‘ und damit die Überführung der neuzeitlichen Erkenntnistheorie in die theologischen Werkstätten. Deshalb konnte ich nicht nachvollziehen, dass eine Synthese von lebendigem Glauben mit dem Monotheismus der Vernunft (Neuzeit) vielversprechend sein sollte.

    Mir scheint, Du denkst bei ‚liberal‘ weniger an die philosophischen Denkvoraussetzungen und wissenschaftlichen Arbeitsprinzipien der Liberalen Theologie (Leugnung des Übernatürlichen, Vernunft über Dogmen, Lösung von historischen Autoritäten, Korrelation etc.), sondern vielmehr an bestimmte Themen, mit denen sich die Liberale Theologie beschäftigt hat. Ich könnte mir vorstellen, Du hast so etwas wie ‚Religionspsychologie‘, die Frage nach dem ‚historischen Jesus‘ oder auch ‚soziale Gerechtigkeit‘ im Kopf.

    Wenn ich da richtig liege, kann ich Deine Anliegen (1. und 2.) nachvollziehen. Allerdings frage ich mich, ob der Begriff ‚liberal‘ wirklich ein geeignetes Label dafür ist. Ich weiß, dass B. McLaren den Begriff ‚liberal‘ benutzt, um Wissenschaftlichkeit, Offenheit für empirische Forschung oder Geschlechtergerechtigkeit zu bezeichnen. Er dekonstruiert den Begriff Liberale Theologie und füllt ihn mit Inhalten, die er gern mit den guten Seiten des konservativen Christentums verbinden würde. Aber es ist fragwürdig, konservative erweckliche Bewegungen per se als wissenschaftsfeindlich einzuordnen. Auf Teile des Pietismus oder manche Heiligungsbewegungen trifft das zu, aber zum Beispiel nicht auf Jonathan Edwards (und viele andere), von dem noch heute einige Leute sagen, er sei der einzige amerikanische Intellektuelle gewesen. Umgekehrt spielt der christliche Glaube bei der Entwicklung der neuzeitlichen Naturwissenschaften eine bedeutende Rolle. Maßgebliche Impulse kamen von gläubigen Christen oder Menschen, die mit den Grundannahmen einer jüdisch-christliche Schöpfungslehre gearbeiten haben (nachzulesen z. B. bei K. Popper).

    Die Liberale Theologie steht weniger für Wissenschaftlichkeit, Aufgeschlossenheit, sondern für eine Ideologie (oder Religion?), die gewaltsam das Übernatürliche leugnet und alles Glauben und Denken vor dem Forum einer autonomen Vernunft verantworten will. Insofern würde ich eher sagen, dass die Dichotomie von Frömmigkeit versus Wissenschaftlichkeit überwunden werden muss. Was Fleiß, Akribie, Ausdauer, Kreativität, Lernbereitschaft, Kenntnisreichtum usw. anbetrifft, können wir bei den liberalen Theologen zweifellos viel lernen. (Man denke nur daran, was ein Harnack alles geleistet hat oder an das Pensum, das ein Bultmann seinen Studenten in den Vorlesungen abverlangte. ;-)

    (Nebenbemerkung: Ich habe hier gerade die Dissertation von David Bosch auf dem Tisch liegen (Basel, 1959). Seine exegetischen Studien der synoptischen Evangelien finde ich, was Gründlichkeit und Tiefe anbetrifft, vorbildlich. Auch das Ergebnis beeindruckt (Reich Gottes = Gottes gegenwärtige und zukünftige Herrschaft). Trotzdem wirken die von ihm gewählten formgeschichtlichen und redaktionsgeschichtlichen Arbeitsweisen aus heutiger Sicht ‚modern‘. Auch wenn Bosch mittels der historisch-kritischen Methode in der Regel die Jesusworte bestätigt, entscheidet doch Geschmack oder Intuition des Exegeten (also das Subjekt, vgl. Foucault) über Echtheit oder Unechtheit biblischer Texte. So sehr ich philologische und historische Sachkenntnis sowie einen akribischen Umgang mit den Bibeltexten schätze, so misstrauisch bin ich doch gegenüber diesem (modernen) Umgang mit dem biblischen Text.

    Bosch selbst scheint übrigens damals selbst schon Zweifel am Nutzen der Formkritik gehabt zu haben. War seine Arbeitsweise ein Zugeständnis an die Erwartungen der Universität Basel?)

    Dein Beispiel mit den individuellen Zugängen ist für mich nachvollziehbar. Allerdings kann man auch hier auf der anderen Seite vom Pferd fallen. Bei der Neuen Paulusperspektive scheint mir genau das der Fall zu sein. Der Einzelne vor Gott wird durch das Kollektiv ersetzt. In der Bibel finden wir Beschreibungen für – wie Du vielleicht sagen würdest – individualtheoretische und intersubjektivitätstheoretische Zugänge.

    Will McLaren die Versöhnung von Evangelikalen und den Liberalen? Anders als Du sehe ich das so. Im Anschluss an sein Gleichniss über die Hungersnot im Dorf am Fluss schreibt er (A Generous Othodoxy, 2004: 158):

    “The parable, I think, describes the story of liberals and conservatives at this point in history—both stymied, but in different places and in different ways. What kind of ending can you imagine? Can you imagine the two parties somehow reuniting and moving on together again? Is there any other alternative?
    As I’ve said, the terms post-evangelical or post-conservative and post-liberal are already in use, and I wonder if they represent the hope of a reunited rescue party. Having survived in different ways the rough waters of modernity, they are now facing a new challenge: working together to save the village which we call planet Earth, and which God calls ‘beloved creation’.”

    McLaren will die Versöhnung beider Strömungen und er kann das meines Erachtens nur wollen, weil er die Liberale Theologie falsch einschätzt.

    Ich bin ebenfalls mit dem Evangelikalismus unzufrieden und vermute, dass er inzwischen erschöpft ist. Ich fände es allerdings fatal, würden Christen nun einfach die Dogmen der Moderne durch neue Dogmen ersetzen (ich benutze diese Wort bewusst) und ein postmodernes Christentum konstruieren. Ebenfalls blauäugig fände ich, würde der moderne Wahrheitsbegriff schlicht durch einen geschichtlichen ausgetauscht. Wir kauften so die Katze im Sack!

    Sollten wir nicht lieber zurückgehen und uns anschauen, was in der Neuzeit falsch gelaufen ist? Sind wir bereit, von der Bibel nicht nur die eigene Sicht der Bibel, sondern die Sicht von Wirklichkeit in Frage stellen zu lassen? Dafür bereit zu sein, würde auch ich als eine Chance begreifen.
    Liebe Grüße, Ron

    EPILOG

    Bei dem Anlauf, meine Antwort zu posten, habe ich Deinen Nachtrag gesehen, auf den ich noch mit wenigen Worten eingehen will.

    (1) Ich habe kein Problem damit, Evangelium auch als kommunikativen Akt (übrigens auch als voluntaristischen Akt, vgl. Joh 7,17) zu verstehen. Aber sind damit die angesprochenen Probleme vom Tisch? Ist Evangelium nicht auch Tat und (Aussagewahrheiten enthaltende) Lehre (didache)? Sind wir die Welt der Tatsachen und die Propositionen wirklich los, wenn wir Evangelium als kommunikative Handlung verstehen? Ich bin froh, dass es nicht so ist und behaupte, dass mit „Wahrheit als Begegnung“ oder „Wahrheit als personale Relation“ usw. nur Teil- oder Scheinlösungen angeboten werden. Hier müssten wir tiefer einsteigen.

    (2) Das sola scriptura will und kann ja gerade vor falschen Sicherheiten bewahren, da zwischen dem Text, Auslegungsansprüchen und tatsächlichen Auslegungen unterschieden wird. Die Schrift allein bleibt höchster Richter und letztgültiger Maßstab für Lehre und Leben. Durch die Schrift redet Gott uns an und wir als Gemeinde beugen uns gehorsam unter das, was er sagt. Indem wir das, was wir glauben, immer wieder neu durch die Schrift in Frage stellen lassen, öffnen wir uns für Kritik und sind reformatorisch.

    (3) Mit dem objektiven Wissen ist das so eine, vielleicht wieder eigene, Angelegenheit. Zu sagen, ich weiß objektiv, wer dieser Mensch oder wer dieser Gott ist, ist in der Tat Nonsens. Ich kenne niemanden, der behauptet, jemanden exhaustiv zu kennen.

    (Nebenbemerkung: Allerdings kenne ich Therapeuten, die vorgeben, ihre Klienten besser zu kennen, als diese sich selbst kennen.)

    Aber bedeutet die Absage an ein vollständiges Wissen, dass man nichts objektiv über einen Menschen wissen kann? Wäre es so, müssten wir die Gerichte abschaffen und sämtliche Gefängnisse öffnen (Foucault hätte seine Freude daran gehabt). Ich habe den Eindruck, dass uns hier die cartesianische Philosophie verdorben hat und wir wieder kindlicher werden müssen. (Bei Alvin Plantinga können wir da viel lernen!) Meine Frau weiß objektiv, dass ich an einigen Stellen Narben habe. Nie würde sie sagen, sie kenne mich durch und durch objektiv. Ich weiß, dass Gott unmöglich lügen kann (vgl. Hebr 6,18). Nie würde ich behaupten, Gott oder Gottes Plan exhaustiv zu kennen. Es gibt da etwas zwischen einem neuzeitlichen Fundamentalismus und dem radikal postmodernen Skeptizismus. Ich kann die Vorbehalte der EmCh‘ler gegenüber dem „So ist es!“ in manch konservativen christlichen Kreisen verstehen (McLaren wird bei in den Brüdergemeinden seine Erfahrungen mit den „So ist es!“ z. B. im Rahmen der Eschatologie gemacht haben). Oft war und ist das „So ist es!“ nur vorgegaukelt oder unreflektiert und wir müssen uns hier neu in Frage stellen lassen. Doch die Dekonstruktion des Evangeliums und der christlichen Lehre und Ethik ist insgesamt ideologisch aufgeladen. Es gibt Dinge, die wollen wir einfach nicht wissen, weil sie uns, wissen wir sie, etwas abverlangen, was wir nicht bereit sind, zu geben.

    (4) Was das reine Evangelium anbetrifft, stimme ich Dir zu. Es gibt unter uns Menschen kein reines Evangelium. Auch was die blinden Flecken anbetrifft, muss ich Dir Recht geben.
    Soweit kurz, Ron.

    P.S. Ich gehe davon aus, dass ich Teile meiner Korrespondenz mit Dir ebenfalls in meinen Blog als PDF einstellen kann (ist einfach besser lesbar). Solltest Du Einwände haben, melde Dich bitte.

  32. Ron

    Lieber Hufi,

    ich freue mich, dass auch Du mich im Blog willkommen heißt. Ich meine, ich hätte mal in einem Vortrag von Doug Pagitt gehört, dass er – was Gemeindezucht in seiner Gemeinde anbetrifft – nur in zwei Fällen Handlungsbedarf sähe: Im Fall das jemand pädophil sei oder im Fall das jemand reformiert sei. Als reformierter Christ bin ich nun richtig überrascht darüber, doch willkommen zu sein. ;-)

    (Nebenbemerkung: Ich glaube, Doug meinte das nicht ganz ernst. Dennoch interessiert mich, warum er einen Pädophilen “ächten” würde. Würde er ihn aus der Gemeinde ausschließen, weil Gott Pädosexualität hasst oder weil die Gesellschaft diese Lebensform zurzeit nicht erwünscht. Oder vielleicht, weil er kleine Kinder hat? Woher stammen seine theologisch-ethischen Normen?)

    Aber zu Deiner berechtigten Frage:

    Das Zitat von Grenz stammt aus einem Abschnitt, in dem er sich klar vom reformatorischen Schriftverständnis distanziert. Wollte er nur sagen, dass die Wahrheit des Evangeliums jeweils in einer für die Hörer verständlichen Sprache kommuniziert werden müsse, ergäbe das wenig Sinn. Was wäre daran neu? Luther selbst war davon überzeugt, dass das Volk das Wort Gottes verstehen können müsse.

    Lebte Grenz noch und könnten wir ihn fragen, würde er sicher verneinen, dass das in der Schrift bezeugte Evangelium dem Wesen nach anpassungsbedürftig sei. Aber letztlich sagt er: “No longer can the theologian focus merely on Scripture as the one complete theological norm.”

    Interessant ist, dass Grenz anschließend gleich das Prinzip der Korrelation von Paul Tillich vorstellt. Tillich wollte mit seiner Korrelationsmethode sicherstellen, dass Christen wirklich die Fragen des modernen Menschen beantworten. Deshalb betonte er gegen Barth die Immanenz Gottes. Gott ist der Sinn und die Tiefe meines Lebens usw. Seine Theologie war also sehr existentialistisch.

    Das Anliegen, wirklich die Fragen der Menschen ernst zu nehmen, ist meines Erachtens berechtigt. Aber wenn ich die Kategorien der Kultur in eine Offenbarungstheologie zu integrieren versuche, wird sich eben langfristig auch das “Evangelium” ändern, das ich verkündige. Bei Tillich war das offensichtlich der Fall. Für ihn war Jesus nicht Gott, sondern ein mit Gott besonders verbundener Mensch.

    Ich muss jetzt dringend Schluss machen und wieder an die Arbeit!

    Liebe Grüße, Ron

  33. DoSi

    Hallo Ron,

    hast Du “Beyond Foundationalism” gelesen, das Grenz zusammen mit John Franke geschrieben hat? Ich glaube, daß dieses Buch die Antworten auf die Fragen enthält, die Du gerade gestellt hast. Und sie malen dort eine Hermeneutik jenseits allzu sehr von modernen Denkvoraussetzungen bestimmter Engführungen konservativer (systembauender) und liberaler (Moral, Innerlichkeit, HKM etc.) Zugangswege. Sehr fein und spannend.

    Ich glaube, was Doug gemeint hat, war, daß Gemeindezucht nur dann angebracht ist, wenn Menschen in der Gemeinde nicht mehr gemeinsam zu Jesus hin wachsen. Bei einem Pädophilen würde das aus seiner Sicht wohl nicht gelingen, da dieser eher in einer anderen Einrichtung Heilung empfangen müßte. Bei einem Reformierten würde das aus seiner Sicht nicht gelingen, da die theologischen Unterschiede wahrscheinlich zu groß wären und man aus dem Streiten nicht rauskäme. Aber bin mir nicht mehr ganz sicher, ob er das so gemeint hat…

  34. Ron

    Hi DoSi,

    ich kenne das Buch, habe es aber noch nicht gelesen. Ich habe einige andere Arbeiten von Franke gelesen. Er ist m.E. etwas vorsichtiger als Grenz, aber vertritt keine wesentlich andere Position als dieser. Dazu er ist slight reformiert.

    Die Sache mit Doug kann so gewesen sein. Ich meine, er sagte noch, in der Nähe von Solomon’s Porch befände sich eine forensische Klinik.

    Liebe Grüße, Ron

  35. TheoBlog » Was heißt hier ›liberal‹?

    [...] Tobias Künkler über die Liberale Theologie entwickelt. Der gesamte Dialog kann nach wie vor im ZeitGeist-Blog verfolgt werden. Dieser Beitrag widmet sich der Frage, ob sich guten Seiten des theologische [...]

  36. danny

    Leute, ihr habt echt geile Gedanken. Macht weiter so. Vielleicht wäre irgendwie eine strukturiertere Plattform notwendig. Ich ersaufe in euren Statements ;-)

  37. Peter

    alles hat angefangen mit der rezension von dem buch zeit-geist
    nach kurzer betroffenheit oder aufschrei ist der alltag wieder eingekehrt
    dabei dachte ich es wird mal ein thema wirklich zu ende diskutiert
    schade
    peter

  38. tobiK

    @peter: Nur Geduld, ich habe jedenfalls noch vor noch mal ausführlich was zu schreiben – geht nur gerade nicht.

  39. Daniel

    @peter ist es möglich ein thema zu ende zu diskutieren?

  40. Peter

    hallo daniel,
    es würde zu weit führen eine diskussion über die diskussion zuführen.
    aber die frage ist berechtigt
    ich habe nur beoabachtet wie schnell man sich einem anderem thema zuwendet.
    das ging mir zu schnell
    da wird oft von kritikern der emerging church geschrieben ohne aber genau zu sagen welche kritik den nun gemeint ist
    vielleicht hält das emerging church system keiner kritik stand
    als ich vor kurzem das kfg heft in der hand hatte laß ich die ganzen kritiken
    auffallend dabei war das die kritiken von den blogs abgeschrieben sein könnte
    im grunde nichts neues
    das heft triffte nur so von selbstgerechtigkeit

  41. Konversation mit wem? « read. listen. think. [live!]

    [...] gerade hierüber wird in der Emerging Church Konversation heftig diskutiert (siehe z.B. hier und hier). Gegen die Diskussion an sich habe ich ebenfalls nichts. Wenn ich jedoch einige der Beiträge lese [...]

  42. Journeyfiles » Blog Archive » Die Zisterzienser und die Frage nach der Praxis

    [...] Nachfragen, Hinterfragen von althergebrachten Denkmustern wird an vielen Stellen öffentlich (z.B. im ZeitGeist-Blog). Spannend wird es für viele jedoch erst, wenn es darum geht, was diese Fragen und Diskussion für [...]

  43. louis vuitton schal

    Mainly because any person doesn‘big t thank you how to desire them with,doesn‘big t entail they preceptor‘big t thank you of they’ve got.