Rezension von Brian McLaren: Everything must change. Jesus, Global Crises, and a Revolution of Hope, Nashville (USA): Nelson 2007

Nach „Die geheime Botschaft von Jesus“ (das ich nicht gelesen habe) legt McLaren nun einen Nachfolgeband vor, der das Thema „globale Herausforderungen“ in den Blick nimmt und auch ohne Vorkenntnisse der „geheimen Botschaft“ gut zu verstehen ist. Da ich von McLaren etwas reißerische Titel gewohnt war, war ich auch bei diesem anfangs etwas skeptisch. Aber ich muss sagen, das Buch hält, was der Titel verspricht. Es ist m. E. das bisher beste Buch von McLaren: informativ, mutmachend und herausfordernd.
Im ersten Teil erklärt der Autor, wie er überhaupt auf dazu gekommen ist, ein Buch über die weltweiten Probleme zu schreiben. Dieser Abschnitt ist zwar ganz nett zu lesen, aber mich hat er nicht wirklich bewegt. Richtig spannend wurde es erst ab dem zweiten Teil, der mit „Suicidal System“ („Selbstmordsystem“) überschrieben ist. In ihm finden wir nicht nur eine sehr überzeugende Synopse aus verschiedenen Problemlisten, die unterschiedliche internationale Organisationen und Einzelpersonen als drängendste Herausforderungen unseres Planeten beschrieben haben. Sehr eindrücklich und systematisch schildert McLaren auch, wie das „System“ aussieht, das diese Probleme produziert. Er unterscheidet dabei drei Untersysteme, die miteinander verbunden sind und sich gegenseitig bedingen. Alle drei Systeme werden im Folgenden näher erläutert und mit entsprechendem Zahlen- und Faktenmaterial untermauert (wobei der Hintergrund – wie sollte es auch anders sein – vorwiegend die US-amerikanische Perspektive ist):

  • Das „Prosperity System“ (Wohlstandssystem): Unsere Wirtschaft ist auf Wohlstandserzeugung aufgebaut. Das Mittel dazu sind die Märkte, in denen sich jeder mit seinen Gaben und Ideen einbringen kann. Die Dinge, die gesellschaftlich interessant sind, werden dadurch gefördert, die anderen können sich nicht durchsetzen.
  • Das „Security System“ („Sicherheitssystem“): Um den freien Austausch von Waren und Dienstleistungen sicherzustellen, muss ein Sicherheitsapparat geschaffen werden, der sowohl für den reibungslosen Ablauf sorgt wie auch für die Ahndung von Verstößen
  • Das „Equity System“ („Verteilungssystem“): Die freie Marktwirtschaft kann nur dann funktionieren, wenn Chancengleichheit und ein allgemeiner Zugang zu den Märkten besteht, in denen eine gute Verteilung der Güter stattfindet.

Diese drei Systeme bedingen sich gegenseitig und sind eingerahmt in der „framing story“, also dem gesamtgesellschaftlichen Mythos. Ist der Mythos destruktiv, wird daher auch das ganze System zu einer „Selbstmordmaschine“; ist der Mythos dagegen konstruktiv, wird das System zu positiven Ergebnissen führen.
McLaren versucht nun, wie ich finde, sehr überzeugend aufzuzeigen, dass unser gesellschaftlicher Mythos destruktiv ist und wir deshalb zwangsläufig die Welt an den Abgrund gebracht haben. Er macht verschiedene Elemente des destruktiven Mythos aus:

  • Wir glauben daran, dass Gewalt Probleme lösen kann. Befriedung geschieht daher bei uns vor allem dadurch, dass einer dem anderen seinen Willen aufzwingt.
  • Bei uns steht das Individuum im Mittelpunkt des Interesses, nicht die Gemeinschaft. Bei Entscheidungen hat die Gemeinschaft deshalb keine Stimme.
  • Wir leben im Jetzt und denken nicht an zukünftige Generationen, weshalb sie in unseren wirtschaftlichen und sonstigen Bilanzen auch keine Rolle spielen.
  • Sinn und Erfüllung suchen wir in materiellen Gütern und Vergnügungen und dabei in einem „immer mehr“ in allen Bereichen.

Durch diese und andere Mythen wird das System nach McLarens Ansicht zur „Selbstmordmaschine“. Der Teufelskreis sieht dabei in etwa folgendermaßen aus:

  • Durch den Individualismus wird generiert das „Wohlstandssystem“ den Wohlstand Einzelner, der vor allem dadurch entsteht, dass Güter der Gemeinschaft bzw. den zukünftigen Generationen entzogen werden. Das führt zu einer immer größer werdenden Abneigung der Armen gegenüber den Reichen, die bis hin zum Hass geht. Ebensolcher Hass entsteht auch bei den Reichen, die die Armen zunehmend als Bedrohung betrachten. Die Folge sind gegenseitige Abschottung und eine „Wir gegen die“-Mentalität.
  • Das „Sicherheitssystem“ versucht die so entstandene Unzufriedenheit niederzudrücken, agiert aber vor allem als Instrument der Reichen (die nicht nur von dem System profitieren, sondern es letztlich auch finanzieren). Es sorgt damit letzten Endes für eine Fortdauer der Ungerechtigkeit.
  • Das „Verteilungssystem“ gerät schließlich vollkommen aus dem Gleichgewicht, denn unsere Wirtschaft ist so aufgebaut, dass die, die über die entsprechenden Mittel verfügen, auch den Zugang zu den Märkten kontrollieren. Von einer gerechten Verteilung ist also nichts zu sehen, vielmehr wird sie (McLaren belegt das durch Statistiken) sowohl weltweit wie national betrachtet immer ungerechter.
  • Die Armen entdecken deshalb zunehmend, dass das System nicht ihnen, sondern den Reichen dient. Damit steigt ihr Hass und auf der anderen Seite das Sicherheitsbedürfnis. Die Folge sind Gewaltausbrüche und Terrorismus.
  • Hinzu kommt eine immer weiter anwachsende Umweltzerstörung, die dadurch bedingt wird, dass die Individuen nicht mehr kleinen Gemeinschaften gegenüber verantwortlich sind. Auch Großkonzerne, die Arbeitsplätze und Müll problemlos weltweit verschieben können, handeln in dieser Hinsicht wie Psychopathen.

Die Lösung dieser vertrackten Situation kann nach McLaren nicht in einem Herumdoktern an einzelnen Problemen bestehen, sondern „everything must change“, wie der Titel sagt. Ihm geht es um nichts weniger als um die Implementierung einer anderen „framing story“, die er aus dem Evangelium Jesu ableitet. In ihr gelten Werte wie Gemeinschaft, Ausgleich von Interessen, Gewaltfreiheit und ähnliches mehr. Wie man es von ihm gewohnt ist, legt McLaren in diesem Zusammenhang nicht nur den Finger auf einige wunde Punkte des evangelikalen Christentums (inklusive so heikler Fragen wie: Wie kann man von dem US-amerikanischen Volk, das zu 44% davon überzeugt ist, dass der Herr in den nächsten fünfzig Jahren wiederkommt, einen Beitrag zur Erhaltung der Schöpfung erwarten?), er liefert auch einige erfrischend andere Exegesen zu Evangelientexten.
Besonders gelungen finde ich zudem, wie McLaren das Riesenthema „globale Krise“ auf einige ganz konkrete Handlungsschritte herunterbrechen kann: Was müssen Staaten tun? Was können einzelne kleine Gemeinschaften tun? Was kann der Einzelne tun?
Das Buch endet mit einer Aufforderung zu einer „Revolution der Hoffnung“, zu der sich der Autor trotz seiner etwas pessimistischen Sicht der Lage durchringt. Hierin liegt jedoch auch die schon aus anderen Publikationen bekannte Schwäche McLarens. Da er in den biblischen Texten zur Eschatologie nur „Visionen“ sieht, aber nicht wirklich Bilder für die Zukunft, fehlt ihm auch der Grund für eine Hoffnung auf Besserung. Die Zukunft liegt damit ganz in der Hand des Menschen.
Den von ihm ausgemachten Problemen und daraus folgenden Herausforderungen und Handlungsaufforderungen tut das freilich überhaupt keinen Abbruch. Das Buch ist daher wärmstens zu empfehlen. Ich hoffe, dass es bald in deutscher Übersetzung zugänglich sein wird und auch hierzulande eine sehr breite Leserschaft finden wird. Auf dass die Revolution der Hoffnung ihren Anfang nehmen möge…

9 Reaktionen zu “Rezension von Brian McLaren: Everything must change. Jesus, Global Crises, and a Revolution of Hope, Nashville (USA): Nelson 2007”

  1. storch

    das klingt ja richtig interessant. danke für die rezi, vielleicht lese ich es mal.

  2. Alex

    Mich würde noch interessieren: Worin besteht der Unterschied zwischen den “Visionen” McLarens und “Bildern für die Zukunft”?

  3. Thomas

    @Alex: Hallo Allex, ich habe mich etwas unklar ausgedrückt. Was ich meine, ist, dass McLaren die neutestamentlichen Zukunftsbilder (Endzeitreden, Offenbarung u.ö.) als Möglichkeiten sieht: So könnte es werden – sowohl in seinen Schrecken (wenn wir nicht aufpassen) wie auch in seinen schönen Seiten (wenn wir uns an die Anweisungen Jesu handeln). Mir ist das etwas zu “innerweltlich” gedacht, weil da die Zukunft nur eine Aufgabe des Menschen ist. Vom Neuen Testament her würde ich aber sagen, dass hier noch einmal eine Größe dazukommt, die diesseitig nicht beeinflussbar ist. Gott gestaltet die Zukunft, deswegen sind die neutestamentlichen Bilder m.E. nicht nur Möglichkeiten, Visionen, Zielvorstellungen, sondern sozusagen “Previews”: So wird es werden (natürlich bleiben es Bilder, aber ich meine die Wirklichkeit dahinter).

    Dem Buch tut das aber überhaupt keinen Abbruch, auch nicht der Dringlichkeit, die McLaren in Bezug auf die Probleme an den Tag legt. Auch wenn wir Hoffnung haben können, dass Gott sich “kümmert”, heißt das ja nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen sollen. Vielmehr ist dann ja die Frage, ob wir mit Gott gehen oder gegen ihn arbeiten. Die von McLaren abgelehnte “nach mir die Sintflut, der Herr kommt eh bald wieder”-Mentalität ist jedenfalls mit Sicherheit nicht das, was die Autoren des Neuen Testaments in ihren Lesern auslösen wollten.

  4. Hufi

    Vielen Dank, Thomas, für die Rezension.
    Schon in Erlangen hat mich der Vortrag von McLaren dazu begeistert (für mich war es sein bester Vortrag) und wenn jetzt “sogar” du das Buch gut findest, muss es ja wirklich gut sein. :-)

  5. Peter

    Wollte ich auch fragen: Was ist der Unterschied zwischen Vision und einem Bild der Zukunft? Für mich keiner und für Brian McLaren wohl auch kaum. Es sei denn, man setzt bei letzterem stillschweigend (und fatalistisch?) voraus, dass es so oder so eintrifft, egal was wir tun oder unterlassen…

  6. Thomas

    @Peter: Ganz so einfach würde ich das nicht sehen, sonst hätten wir nur die Alternative zwischen Fatalismus und Aktionismus. Bei beidem spielt Gott aber keine Rolle, beim Aktionismus geht er im menschlichen Tun auf, beim Fatalismus wartet er irgendwo im Himmel auf das Ende der Welt. Faszinierend finde ich an der biblischen Eschatologie aber, dass sie von einer “sicheren” Zukunft ausgeht, als Erwartung, nicht als vage Hoffnung, Wunschtraum, Eutopie (McLaren), sondern als das, was kommt. Das macht sie aber nicht passiv, sondern gerade aktiv, weil es darum geht, sich jetzt schon auf diese Zukunft einzustellen und in ihre Richtung zu gehen.
    So gut ich McLarens Buch finde, diesen Aspekt vermisse ich, ja mir ist er fast ein bisschen zu pessimistisch (wäre ich auch, wenn ich glauben würde, dass alles am Menschen hängt). Das ist umso mehr schade, weil unsere Welt und Gemeinden an einem passiven Gottesbild leiden, der in seinem Tun abhängig ist vom Menschen (den er bestenfalls zu guten Taten motiviert). Wenn wir zum biblischen Verständnis durchdringen wollen, ist aber m.E. die Eschatologie der Schlüssel.

  7. Peter

    Ich glaube ja gar nicht, dass der Pessimismus grundsätzlich ist und die Hoffnung vage. Nur ob wir in dieser Generation diese globalen Probleme in den Griff bekommen, das ist auch vor dem Hintergrund der biblischen Zusagen nicht so ganz klar.

    Und das Dilemma ist ja das, dass auch ein aktiv wirkender Gott durch Menschen handelt und nicht als Deus ex Machina plötzlich auftaucht und alles in Ordnung bringt. Das hat er jedenfalls die letzten 2000 Jahre nicht gemacht, ob das nun die Pest war oder Hitler oder was sonst…

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