Dekonstruktion – eine Annäherung

In diesem Beitrag möchte ich mich anhand einiger grundlegender Gedanken dem annähern was als ›Dekonstruktion‹ bezeichnet wird. Der Begriff wird im Rahmen des ›emergenten Dialogs‹ sehr oft verwendet, und sollte daher immer wieder etwas genauer betrachtet werden.

Ich habe die Hoffnung, dass wir das Wort anders verwenden, wenn wir uns in regelmäßigen Abständen einige Gedanken zu ›Dekonstruktion‹ machen. Bewusst verwende ich hier das Wort „wir“, da ich zum einen den Begriff recht häufig selbst verwende und zum anderen, weil ich hoffe dass wir hier zu einem interessanten Austausch über Dekonstruktion kommen, in dem ich eine Menge lernen kann.

Ich lade dich nun ein dem mehr»Link direkt unter diesem Abschnitt zu folgen und dort mit mir ein paar Aspekte von Dekonstruktion anzudenken und dann in den Austausch mit einzusteigen.


Den ersten Gedanken zu Dekonstruktion möchte ich ihrer Herkunft widmen. Sie geht auf Jacques Derrida zurück, ein Philosoph der in Frankreich lebte und zu den poststrukturalistischen Denkern gerechnet wird. Seine jüdische Abstammung und die damit verbundene Diskriminierung in seinem Herkunftsland Algerien sowie seine Erfahrungen als Migrant in Frankreich hatten Einfluss auf sein Denken und haben ihre Spuren auch in der Dekonstruktion hinterlassen.

Dekonstruktion ist keine Methode

Als Dekonstruktion eine breitere Anerkennung in der Philosophie und darüber hinaus erreichte war Derrida stets bemüht darauf hinzuweisen, dass es sich bei Dekonstruktion nicht um eine wissenschaftliche Methode handelt. Während eine wissenschaftliche Methode immer bestimmten Regeln folgt und in unterschiedlichen Zusammenhängen auf dieselbe Weise angewendet werden kann, findet Dekonstruktion in jeder Situation auf andere Weise statt und bringt daher keine, auf übliche Weise, vergleichbaren Ergebnisse hervor. Bevor wir in den folgenden Abschnitten Dekonstruktion näher betrachten wollen, sei an dieser Stelle erwähnt, dass Derrida sie als eine bestimmte Haltung verstanden hatte.

Aufspüren des Unausgesprochenen

Die dekonstruktivistische Haltung drückt sich darin aus, dass der jeweils vorliegende Text äußerst genau betrachtet wird. Dabei gilt jedoch das besondere Augenmerk nicht dem, was gesagt, sondern vielmehr dem was nicht gesagt wurde.

Grundlegend für diese Haltung ist die Annahme einer Vielzahl von Perspektiven und Aussagerichtungen innerhalb eines Textes. Der Text hat demnach nicht nur eine einzige mögliche Aussage und besteht nicht nur aus einer These die, wie in der Dialektik angenommen, von einer Antithese begleitet wird, sondern beinhaltet eine Vielzahl von Perspektiven. Diese Perspektiven stehen häufig in einem Konflikt zueinander. Durch Dekonstruktion können diese Konflikte aufgespürt und ausgedrückt werden.

Die möglichen Konflikte zwischen den unterschiedlichen Perspektiven zeichnen sich durch bewusste Ausschließungen ab, die auf Grund bestehender Hierarchien entstanden sein können. Dadurch dass bewusst auf das gehört wird was nicht gesagt wurde können die verborgenen Perspektiven erschlossen und auf diesem Wege auch die Hierarchien aufgedeckt werden, die zur vorliegenden Gestalt des Textes führten.

Möglichkeit des Unmöglichen

Neben der Enttarnung von Hierarchien eröffnet die Beachtung des nicht Ausgesprochenen einen weiten Raum der Möglichkeiten in dem das Unvorhergesehene ans Tageslicht tritt. Gedanken werden betrachtet die ohne diese Haltung verborgen und damit unbedacht geblieben wären. Es entstehen Möglichkeiten auf anderen Wegen zu denken und dabei auf Unvorhergesehenes zu stossen.

Indem Dekonstruktion die Möglichkeit des Unmöglichen eröffnet kann sie nach Derrida auch auf eine Öffnung dem Anderen gegenüber verstanden werden. Der Begriff ›Andere‹ kann sowohl auf die andere, fremde Person als auch auf andere und fremde Gedanken bezogen werden. In dieser Öffnung werden schließlich auch Engführungen überwunden die auf bestimmten Hierarchien beruhen.

Dekonstruktion und Religion

Manche sehen in der eben erwähnten Möglichkeit des Unmöglichen der Dekonstruktion einen Hinweis auf Gott. Derrida selbst hat darüber jedoch wenig gesagt. Dies liegt zum einen an seinen jüdischen Wurzeln und dem damit zusammenhängenden Schweigen über Gott, als auch an der Tatsache, dass er Dekonstruktion stets als Mythoskritik verstanden hatte.

John D. Caputo entwickelte aus der Dekonstruktion Derridas seine eigene Lesart, die er in enger Verwandtschaft mit so genannter negativer Theologie sieht, da beide sich nach dem Abwesenden, Unmöglichen und Unberechenbaren ausstrecken.

Caputo kann daher die Dekonstruktion als ›Hermeneutik des Reiches Gottes‹ verstehen. Sie bringt das Unmögliche, das Unvorhersehbare ans Tageslicht. Durch eine dekonstruktivistische Haltung entsteht uns Menschen die Möglichkeit über unser begrenztes Denken hinaus zu denken. Indem wir genau an den Stellen weiterdenken über die nichts gesagt wurde, gewinnen scheinbar alt-hergebrachte Texte oder Glaubenssätze eine neue, weitere und tiefere Dimension. Es kann eine Möglichkeit entstehen tiefer zu blicken.

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Mit diesem letzten Gedanken möchte ich diesen Beitrag hier enden lassen, in dem Wissen, dass wir hier maximal begonnen haben Dekonstruktion anzudenken. Nun freue ich mich auf den Austausch in den Kommentaren.

Ein mögliche dekonstruktivistische Lesart der David-Goliath-Begebenheit findest du unter diesem Link bei Andi Gehrlach. Die angesprochene Lesart befindet sich im vierten Abschnitt und beginnt mit dem Wort „Jedoch“.

11 Reaktionen zu “Dekonstruktion – eine Annäherung”

  1. Arne

    Danke Daniel,
    hab auch Caputo gelesen. Ne Frage: weißt du von einem “Lieblingstext” oder so, an dem das Derrida gern durchgespielt hat?

  2. Daniel

    moin arne,

    da derrida dekonstruktion als eine haltung kritischen denkens verstand, dachte er wahrscheinlich in den meisten fällen so. ich weiß von keinem bestimmten text den derrida für besonders geeignet hielt.

    jemand anders eine idee?

    grüße

  3. Jordanus

    Ein hilfreicher Text dazu ist Roland Barthes “Der Tod des Autors”, das ist schön und kurz. Oder Michel Focault “Was ist ein Autor?”.
    Ich glaube, im Prinzip machen die dasselbe wie Derrida, nur etwas verständlicher.
    Noch besser, verständlicher und witziger hat man das bei Nietzsche in der “Götzendämmerung” oder im 125 Fragment von “Die fröhliche Wissenschaft” (auch zu finden unter http://www.textlog.de/21289.html). Das ist Dekonstruktion pur. Denn Nietzsche ist sozusagen der Groß- und Übervater der “Bewegung”.
    Die meisten postmodernen Philosophen wie Focault, Derrida, Barthes, Lacan oder Lyotard betreiben nichts anderes als Nietzsche-Exegese.

  4. interessierter Leser

    Wenn ich (ohne Philosophie voll studiert zu haben) den letzten Beitrag richtig verstanden habe, dann ist er eigentlich eine däftige Herausforderung …

    Warum schreibt der Autor oben eigentlich “Nun freue ich mich auf den Austausch in den Kommentaren.”, wenn er hier monateland nicht antwortet?

  5. Daniel

    Hallo interessierter Leser,

    deine abschließende Frage hat mich nachdenklich gemacht, und daher möchte ich nun – auch wenn es hier off-topic ist – etwas zu deiner Frage schreiben.

    Auf den Kommentar von Arne hatte ich damals recht schnell geantwortet, das lag vor allem an der Tatsache, dass er eine konkrete Frage gestellt hatte. Den Kommentar von Jordanus habe ich mir natürlich auch direkt durchgelesen und darüber nachgedacht. Ich war mir jedoch nicht so recht schlüssig was ich darauf schreiben sollte. Der Kommentar beinhaltete keine direkte Frage, und erschien mir auch nicht an einen anderen Kommentar anzuschließen. Auf mich wirkte der Kommentar nicht gerade dialogbereit und deswegen habe ich nichts darauf geschrieben. Ich hätte natürlich nachfragen können – und das will ich hiermit tun – wie der Kommentar gemeint ist. Bevor ich jedoch auf Jordanus eingehe eine Frage an dich – worin siehst du die Herausforderung der Dekonstruktion die du in deinem Kommentar andeutest?

    @Jordanus
    Wie kommst du zu dem Schluss, dass die meisten postmodernen Philosophen Nietsche-Exegese betreiben? Um deine Antwort verstehen zu können ist es wahrscheinlich auch wichtig, dass du kurz erläuterst wie du den Begriff ›Exegese‹ in diesem Fall füllst.

    In diesem Sinne auf einen fröhlichen Austausch,
    Daniel

  6. jordanus

    Hallo Daniel, hallo interessierter Leser,
    diese Dekonstruktionsgeschichte kann bis zu einem bestimmten Punkt sehr fruchtbar und bildend sein. Mein Hinweis auf Nietzsche soll zeigen, dass das aber auch seine Grenzen hat.
    Nietzsche hat auch alle Erwartungen unterlaufen. Er sah nämlich, wie inkonsequent die moderne Wissenschaft war, die die Vernunft zu ihrem Gott machte, aber trotzdem dachte, es bleibt alles so, wie es ist. Stattdessen versuchte er zu zeigen, dass ohne Gott auch unser ganzes Gedankengebäude zusammenkracht. Das ist Dekonstruktion im wahrsten Sinne des Wortes.
    Diese Erkenntnis versuchen die postmodernen französischen Philosophen umzusetzen. Insofern sind sie Nietzsche-Exegeten. Sie betreiben Philosophie nach dem “Tod Gottes”. In Barthes Aufsatz “Der Tod des Autors” bezieht er sich ausdrücklich auf den Tod Gottes. Und beschreibt meiner meinung nach auch kurz und gut, was Dekonstruktion ist.
    Die Herausforderung besteht nun darin, ob man so ein “Konzept” wie “Dekonstruktion” einfach so praktisch übernimmt oder ob man sich versucht, über die Grundlagen dieses Konzeptes oder vielmehr ”
    Nicht-Konzeptes” klar zu werden.
    Ich bemerke, wie in der Diskussion um Emerging Church viel über Postmoderne und die Anpassung an den Zeitgeist spekuliert wird. Aber nur wenige machen sich Gedanken darüber, woher das kommt und ob das eigentlich wirklich so fruchtbar ist.
    Nietzsche wäre ein Schlüssel dazu. Hier ist alles schon da, was die Postmoderne bewegt. Er ist der Philosoph des 21. Jahrhunderts.
    Die Frage ist: Hat er recht? Und weiter: Wie weit hat er recht?

  7. Daniel

    Hallo Jordanus,

    danke sehr für deinen Kommentar und die Erläuterungen. Nun verstehe ich deine Verwendung der Nietzsche-Exegese und stimme darin mit dir überein.

    Gerade die Frage danach was die Grundlagen der Dekonstruktion sind und wie sie in der Auseinandersetzung mit Theologie, Glaube und Kirche fruchtbar ist, beschäftigen mich sehr. Sich mit diesen Fragen auseinander zu setzen war ja auch die Motivation diesen Eintrag zu schreiben.

    Als Optimist würde ich nun zunächst die Frage nach den möglichen Anknüpfungspunkten stellen, auch wenn die Formulierung unscharf ist – welche Aspekte der Dekonstruktion sind fruchtbar?

  8. jordanus

    Beispiel David-Goliath. Das mit dem Bruch der Regel ist ein interessanter Ansatz. So ein kleines Detail ist bemerkenswert. Darüber nachzudenken, könnte fruchtbar sein, weil es ein Detail des Textes erschließt, dass man aus Gewohnheit nicht mehr sieht.
    Die andere Frage allerdings: Zeugt das wirklich von Textverständnis, wenn man die Geschichte nur von diesem Regelbruch her sieht? Und eine weitere Frage: Worin besteht der eigentliche Regelbruch?

    Kritisch wird es da, wo man Texte nur noch zu dekonstruieren sucht. Und das nicht nur auf Texte beschränkt, sondern auf die ganze Wahrnehmung ausdehnt. Die Frage ist dann, was der eigentlich Grund ist, der mich trägt? Oder geht mir der Grund verloren, auf dem ich stehe? So wie bei Nietzsche. Es gibt kein oben und unten mehr oder wir stürzen fortwährend.

  9. Daniel

    Ich denke du sprichst hier sehr gut die Spannung an, in der wir uns befinden wenn wir die Bibel auf dekonstruktivistische Art und Weise lesen. Auf der einen Seite erhellt die Dekonstruktion uns Details die (durch Gewohnheit) verborgen sind. Auf der anderen Seite könnten wir uns damit den Boden unter den Füßen wegziehen, und nur noch dazu in der Lage sein ohne jeglichen Anhaltspunkt vorwärts zu stolpern.

  10. jordanus

    Gottes Wort dekonstruiert uns, von daher spielt unsere “methode” eh keine Rolle. Vielleicht kann uns diese Spielerei vor Augen führen, wie eingefahren unser Denken und unsere Vernunft ist.
    Aber zum Verstehen der Bibel ist das hier eine der besten Anleitungen:

    “Darüber hinaus will ich dir anzeigen eine rechte Weise, in der Theologie zu studieren - denn ich habe mich geübt. Wenn du dieselbe
    hältst, sollst du so gelehrt werden, daß du selbst geradeso gute Bücher machen könntest (wenn es not wäre) wie die Väter und Concilia.
    Wie ich mich (in Gott) auch zu vermessen und ohne Hochmut und Lüge zu rühmen wage, daß ich etlichen der Väter wollte nicht viel
    nachstehen, wenn es sollte Büchermachen gelten. Des Lebens kann ich mich bei weitem nicht ebenso rühmen. Und zwar ist es die
    Weise, die der heilige König David im 119. Psalm lehrt (und ohne Zweifel auch alle Patriarchen und Propheten gehalten haben). Darin
    wirst du drei Regeln finden, durch den ganzen Psalm reichlich vorgestellt. Und heißen also: Oratio, Meditatio, Tentatio.
    Erstlich sollst du wissen, daß die heilige Schrift ein solches Buch ist, das aller andern Bücher Weisheit zur Narrheit macht, weil keines
    vom ewigen Leben lehrt als dies allein. Darum sollst du an deinem Sinn und Verstand stracks verzagen. Denn damit wirst du es nicht
    erlangen, sondern mit solcher Vermessenheit dich selbst und andere mit dir stürzen vom Himmel (wie es Lucifer geschah) in den
    Abgrund der Hölle. Sondern kniee nieder in deinem Kämmerlein und bitte mit rechter Demut und Ernst zu Gott, daß er dir durch seinen
    lieben Sohn wolle seinen heiligen Geist geben, der dich erleuchte, leite und Verstand gebe.
    Wie du siehst, daß David im oben genannten Psalm immer bittet: ‘Lehre mich, Herr, unterweise mich, führe mich, zeige mir’ und
    solcher Worte viel mehr. Obwohl er doch den Text des Mose und anderer Bücher mehr wohl kannte, auch täglich hörte und las, will er
    noch den rechten Meister der Schrift selbst dazu haben, auf daß er ja nicht mit der Vernunft drein falle und sein eigener Meister werde.
    Denn daraus werden Rottengeister, die sich lassen dünken, die Schrift sei ihnen unterworfen und leicht mit ihrer Vernunft zu erreichen,
    als wäre es Marcolfus oder Aesops Fabeln, wozu sie keines heiligen Geistes noch Betens bedürfen.
    Zum anderen sollst du meditieren, das ist: nicht allein im Herzen, sondern auch äußerlich die mündliche Rede und geschriebenen Worte
    im Buch immer treiben und reiben, lesen und wiederlesen, mit fleißigem Aufmerken und Nachdenken, was der heilige Geist damit
    meint. Und hüte dich, daß du nicht überdrüssig werdest oder denkst, du habest es ein Mal oder zwei genug gelesen, gehört und gesagt
    und verstehst es alles bis auf den Grund. Denn daraus wird nimmermehr ein sonderlicher Theologe. Und sind wie das unzeitige Obst,
    das abfällt, ehe es halb reif wird.
    Darum siehst du in demselben Psalm, wie David immerdar rühmt, er wolle reden, dichten, sagen, singen, hören, lesen Tag und Nacht
    und immerdar, doch nichts denn allein von Gottes Wort und Geboten. Denn Gott will dir seinen Geist nicht geben ohne das äußerliche
    Wort. Danach richte dich. Denn er hat es nicht vergeblich befohlen, äußerlich zu schreiben, predigen, lesen, hören, singen, sagen etc.
    Zum dritten ist da Tentatio, Anfechtung. Die ist der Prüfstein, die lehrt dich nicht allein wissen und verstehen, sondern auch erfahren,
    wie recht, wie wahrhaftig, wie süß, wie lieblich, wie mächtig, wie tröstlich Gottes Wort sei, Weisheit über alle Weisheit.
    Darum sieht du, wie David in dem genannten Psalm so oft klagt über allerlei Feinde, frevle Fürsten oder Tyrannen, über falsche Geister
    und Rotten, die er leiden muß, weil er meditiert, das ist: mit Gottes Wort umgeht (wie gesagt) auf allerlei Weise. Denn sobald Gottes
    Wort ausgeht durch dich, so wird dich der Teufel heimsuchen, dich zum rechten Doktor machen und durch seine Anfechtung lehren,
    Gottes Wort zu suchen und zu lieben. Denn ich selber (daß ich Mäusedreck auch mich unter den Pfeffer menge) habe sehr viel meinen
    Papisten zu danken, daß sie mich durch des Teufels Toben so zerschlagen, bedrängt und geängstet, das ist, einen rechten, guten
    Theologen gemacht haben, wohin ich sonst nicht gekommen wäre. Und was sie dagegen an mir gewonnen haben, da gönne ich ihnen
    die Ehre, Sieg und Triumph herzlich wohl. Denn so wollten sie es haben.
    Siehe, da hast du Davids Regel: Studierst du nun wohl diesem Exempel nach, so wirst du mit ihm auch singen und rühmen in
    demselben Psalm: ‘Das Gesetz deines Mundes ist mir lieber denn viel tausend Stück Goldes und Silbers.’ Item: ‘Du machst mich mit
    deinem Gebot weiser denn meine Feinde sind; denn es ist ewiglich mein Schatz. Ich bin gelehrter denn alle meine Lehrer; denn deine
    Zeugnisse sind meine Rede. Ich bin klüger denn die Alten; denn ich halte deine Befehle’ etc. Und wirst erfahren, wie schal und faul dir
    der Väter Bücher schmecken werden. Wirst auch nicht allein der Widersacher Bücher verachten, sondern dir selbst in beidem, im
    Schreiben und Lehren, je länger je weniger gefallen. Wenn du hierher gekommen bis, so hoffe getrost, du habest angefangen, ein
    rechter Theologe zu werden, der du nicht allein die jungen unvollkommenen Christen, sondern auch die zunehmenden und
    vollkommenen mögest lehren. Denn Christi Kirche hat allerlei Christen in sich: junge, alte, schwache, kranke, gesunde, starke, frische,
    faule, schlichte, weise etc.
    Fühlst du dich aber und läßt dich dünken, du habest es gewiß, und kitzelst dich mit deinen eigenen Büchlein, Lehren oder Schreiben,
    als habest du es sehr köstlich gemacht und trefflich gepredigt, gefällt es dir auch sehr, daß man dich vor anderen lobe, willst auch
    vielleicht gelobt sein, sonst würdest du trauern oder nachlassen, - bist du von der Art, Lieber, so greif dir selber an deine Ohren. Und
    greifst du recht, so wirst du finden ein schön Paar großer, langer, rauher Eselsohren. So wende vollends die Kosten dran und
    schmücke sie mit güldnen Schellen, auf daß, wo du gehst, man dich hören könnte, mit Fingern auf dich weisen und sagen: Seht, seht,
    da geht das feine Tier, das so köstliche Bücher schreiben und trefflich wohl predigen kann. Alsdann bist du selig und überselig im
    Himmelreich. Ja, wo dem Teufel samt seinen Engeln das höllische Feuer bereitet ist. Summa, laßt uns Ehre suchen und hochmütig
    sein, wo wir mögen. In diesem Buch ist Gottes die Ehre allein und heißt: ‘Deus superbis resistit, humilibus autem dat gratiam.’ (1 Petr
    5,5) Cui est gloria in saecula saeculorum. Amen.”

    Martin Luther

  11. Jordanus

    Ja, da fällt Euch nichts mehr ein, wa?

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