Im Gottesdienst Heimat finden

Gedanken von Tobias Faix am Beispiel von CT-Mosaik.

Persönliche Erfahrungen & Hintergründe
Acht Jahre war ich als Hauptamtlicher für unsere Gemeindegottesdienste verantwortlich und auch danach als Ehrenamtlicher saß und sitze ich fast jeden Sonntag im Gottesdienst oder habe aktiv mitgearbeitet. Für vieles bin ich sehr dankbar und denke, dass Gott die unterschiedlichen Gottesdienste zum Wachstum seines Reiches gebraucht. Aber ich merkte immer wieder, wie die Frage nach einem „mündigen Christsein“ in mir auf kam, wie Christinnen und Christen nicht nur in einen Gottesdienst gehen, sondern selbst Teil dieses Gottesdienstes werden können. Dabei ertappte ich mich oftmals selbst, wie ein individualistisches und konsumfreundliches Verhalten mehr Raum bekam, als ich es selbst zugeben wollte: Die Predigt war gut, wenn sie in mein theologisches Konzept passte. Oder: Die Anbetung war geistlich, wenn sie mich berührte. Die Fragen: Ob die Predigt der Gemeinde dient? oder: Ob der Lobpreis Gott geehrt hat? wurden oftmals in den Hintergrund gestellt. Von dieser Unzufriedenheit angetrieben versuchte ich mir Gedanken um Gottesdienste zu machen. Wie sahen die Gottesdienste der ersten Christen aus? Was sind gute Traditionen? Wo sind Erneuerungen nötig? Was brauchen die Menschen heute? Ein Vers, der mich dabei am meisten herausforderte, steht im 1. Korinther 14,26 (GN):

„Was folgt daraus für euch, Brüder und Schwestern? Wenn ihr zum Gottesdienst zusammenkommt, kann jeder und jede etwas dazu beitragen: ein Lied vorsingen oder eine Lehre vortragen oder eine Offenbarung weitergeben oder in unbekannten Sprachen reden oder die Deutung dazu geben. Aber alles muss dem Aufbau der Gemeinde dienen.“

Dieser Vers deckte sich so gar nicht mit den Erfahrungen der meisten Gottesdienste in Kirchen und Freikirchen meiner Umgebung. Also begann ein Prozess, in dem ich mir einige biblisch-theologische Gedanken aufschrieb, mit Freunden diskutierte und mit der Gemeindeleitung sprach. In diesen Gesprächen war ich überrascht, wie viele sagten, dass sie zwar in den Gottesdienst gehen, aber dieser für sie keine geistliche Heimat darstellen würde. Eher noch die Menschen, die sich dort treffen. Ein Jahr später entstand daraus der ct-mosaik Gottesdienst.

CT-Mosaik Gottesdienst: Menschen begegnen – Gott erleben
Der ct-mosaik Gottesdienst möchte Menschen in die Begegnung miteinander und mit Gott führen. Dabei sollen traditionelle Gottesdienstformen auf neuere Methoden treffen und somit den Reichtum und die Vielfalt des christlichen Glaubens zum Ausdruck bringen. So soll die heilende Gemeinschaft und der Wert des Einzelnen gleichermaßen beachtet und geachtet werden und dadurch Anbetung Gottes auf unterschiedliche und kreative Weise geschehen.

Ablaufrahmen:

  • 16:00 h – Begrüßung, kurzer liturgischer Einstieg mit Gebet & Lied
  • 16:05 h – Offene Zeit der Begegnung bei Kaffee & Kuchen/Kekse
  • 16:30 h – Einführung ins Thema des Gottesdienstes und Vorstellung der Räume
  • 16:40 h – offene Räume (jeder wählt selbst) evtl. mehrere Räume zum Wechseln
  • 17:20 h – kurze Schlaglichter aus den Räumen und gemeinsamer liturgischer Schluss
  • 17:30 h – danach Schluss & Abbau

Der Gottesdienst findet jeden 1. Sonntag im Monat von 16:00 bis 17:30h im ChristHaus in Marburg statt.

Partizipation durch „Räume“
Es müssen nicht jedes Mal die gleichen Angebote gemacht werden, sondern es können unterschiedliche sein. Die meisten Räume sind offen, so dass man sich nicht für einen Raum “verpflichtet”, sondern auch verschiedene Räume nutzen kann.

Raum 1: Communio
Dieser Raum ist ständig offen und verfügbar. Gemeinschaft, Essen und Begegnung sind keine Notlösung, sondern ein geistlicher Teil des Ganzen. Hier startet und endet der Gottesdienst auch.

Raum 2: Bibelgespräch
Hier soll ein interaktives Bibelgespräch stattfinden, das den Teilnehmern ermöglicht, sich zu beteiligen. Manchmal kann es auch Predigtteile geben oder andere Methoden.

Raum 3: Kreativität & Kunst
Kunst und Kreativität ist ein Ausdruck von Gottes Schöpfung und soll in diesem Raum besonders gefördert werden. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt: von Tanz über Bildmeditation zu selber malen oder Bibeltext „nachempfinden“.

Raum 4: Ruhe & Gebet
In diesem Raum ist Ruhe und Zeit für Gebet. Gemeinsam beten oder einfach inne halten und Ruhe genießen.

Raum 5: “Chaoskirche” – Mit Kids Gott erleben
Interaktiv und erlebnisorientiert für alle Kinder und Erwachsene (Eltern und Nichteltern), die Basiselemente des Glaubens auf einfache und erfrischende Art erleben und begreifen.

Raum 6: “Anbetung unplugged”
Authentisch Gott anbeten in Liedern, Eindrücken und Gebeten.

Raum 7: Offen für Neues
Abendmahl, Videoanbetung, Gebetsspaziergang etc.

Werte, die wir Stück für Stück lernen und leben wollen:

  • Partizipation: Jeder ist Teil des Ganzen
  • Missional: Gottesdienst als Teil des Alltags
  • Niederschwelligkeit: Jeder ist willkommen und bringt sich mit ein, so wie er/sie kann und will.
  • Gemeinschaft: Steht im Zentrum als Heilskraft Gottes: Herstellung des Schaloms: Zu Gott, zu mir selbst, zu meinem Nächsten und zur Umwelt. Ziele der Gemeinschaft: (als heilende Kraft)
  • Ganzheitlich: Die “Heiligkeit!” (der einzelnen Räume, Aktionen, Gemeinschaft) entsteht nicht durch Tradition, sondern durch die Motivation der Einzelnen zu Gott hin. Konsequenz: Essen ist genauso heilig wie Anbetung.
  • Inkarnatorisch: Jesus wurde Mensch, Teil unserer Kultur und unseres Lebens. Leben teilen heißt inkarnatorisch leben.
  • Mitarbeiterförderung durch Verantwortung: Wir wollen nicht defizitorientiert arbeiten, sondern in die Gaben vertrauen, die jeder mitbringt und das Gute und das Potenzial in jedem sehen (Imago Dei). Jeder darf kommen und sich beteiligen.

Erfahrungen, Problemfelder und neue Ziele
Die ersten drei/vier Monate liefen sehr gut, es kamen viele Leute. Manche waren einfach neugierig, andere fühlten sich vom Konzept angesprochen. Interessant war, dass viele kamen, die den Christustreff nicht als ihre Heimat sehen. Die eher „traditionellen“ Gottesdienstbesucher waren dagegen schwer zu erreichen. Wir feierten jeden Sonntag Mosaik Gottesdienst und es kamen sehr viele unterschiedliche Menschen aus verschiedenen Altersstufen und Milieus, Christen und Suchende, Neugierige und Frustrierte, Familien und Singles. Diese Heterogenität war interessant und spannend, hat aber auch Probleme mit sich gebracht. Der Grundsatz war: alle sind willkommen und alle dürfen mitarbeiten. Gerade Letzteres hat sich aber zunehmend als Belastung herausgestellt. Viele sind gekommen, aber es hat sich schnell ein Kern herausgebildet, der Verantwortung für die einzelnen Räume übernommen hat. Dieser Kern war aber zu klein, als dass er einen regelmäßigen wöchentlichen Gottesdienst gestalten könnte, außerdem stellt er den Grundgedanken der Partizipation auf den Kopf. Aber: Partizipation kann nicht eingefordert werden, sondern muss gelebt werden. Wir haben gemerkt, dass es einen großen Unterschied zwischen der Zustimmung von Werten und diese Werte leben gibt. Nach einem halben Jahr haben wir von einmal wöchentlich auf einmal im Monat umgestellt, wobei wir die Hoffnung haben, dass sich in den nächsten Monaten, vielleicht auch Jahren, der Prozess zu einem wöchentlichen Gottesdienst entwickelt. Wie sagte eine Frau zu mir: „Lieber Tobias, 10 Jahre bin ich in den Gottesdienst gegangen und habe mich bedienen lassen, jetzt soll ich plötzlich aktiv mitmachen. Du musst mir Zeit geben, das bin ich nicht gewöhnt.“ Mitten in diesem Prozess stehen wir jetzt und sind gespannt, wohin uns die Reise führen wird. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass die größte Anziehungskraft für Menschen in unserer Zeit die heilende Gemeinschaft von Christinnen und Christen ist.

Weitere Infos auf der Mosaikseite des Christus-Treffs.

18 Reaktionen zu “Im Gottesdienst Heimat finden”

  1. Simon

    Ich finde das Konzept wirklich spannend. Ohne es zu kennen, habe ich in den letzten Monaten überlegt, was für unsere Gemeinde dran sein könnte und das war konzeptionell und von den Werten dem hier doch sehr ähnlich. Das ist natürlich klasse, dass es schon etwas in Art gibt, was ich bisher nur im Kopft hatte. Deswegen einige Fragen:

    Wie geht euch das momentan mit den monatlichen Gottesdiensten? Ist das auch ein wenig schade, dass es momentan nicht häufiger ist? “Wöchentlich” ist schon noch das Ziel, das habe ich richtig verstanden? Wie geht es den Besuchern mit dem monatlichen Rhytmus?

    Sind Familien, bzw. die Kinder die ganze Zeit in dem einen Raum oder können (kleine) Kinder auch in alle anderen Räume?

    Ist es beim Bibelgespräch bzw. Predigt auch möglich und geschickt zu kommen und zu gehen?

    Wer gibt die Schlaglichter aus den Räumen? Die Verantwortlichen oder einzelne Teilnehmer?

    Gibt es ehrenamtliche Verantwortliche für die einzelnen Räume? Wissen die vorher, was dort stattfindet? Machen die das oder kann man auch als Teilnehmer einfach etwas (eine Aktion oder einen Bibeltext oder so) mitbringen für einen bestimmten Raum?

    Du merkst, mich interessiert das sehr :-)

  2. toby

    Also, ich versuche Mal die Fragen zu beantworten und du kannst ja dan nachfragen! :)
    Die Grundidee ist einen inklusiven Gottesdienst anzubieten, heißt jede/jeder hat seinen Platz. Das ist natürlich herausfordernd, gerade bei Kids, aber auch Behinderten etc. Die Räume sind für alle offen und der “Communioraum” ist als Treffpunkt auch die ganze Zeit offen. Die Kids haben die Möglichkeit überall dabei zu sein, konzentrieren sich aber schnell auf ihren Raum (in unserem Fall Chaoskirche), dort feiern Kinder und Erwachsene zusammen Gottesdienst. Das klappt immer dann ganz gut, wenn viele von beiden da sind. Wenn nur Kids da sind, wird es doch eher zum Kindergottesdienst.
    Die Räume kann jeder anbieten, es muss nur abgesprochen werden. Manche Räume gibt es regelmäßig, manche nur ab und zu. Die meisten Räume sind “geschlossen”, heißt man geht rein und soll auch für die Zeit drin bleiben und nicht wechseln, hat sich bewährt.
    Die “Schlaglichter” kommen von allen, wer gerade was dazu sagen möchte.

  3. toby

    Zu dem Rhythmus: Das ist etwas kompliziert. Alle fanden den wöchentlichen Rhythmus besser, außer diejenigen die die Räume verantwortet habe, denen war es zu viel. Ich denke, dass wir zu viel auf einmal wollten, Veränderungen brauchen Zeit und die Leute müssen sich erst daran gewöhnen eine aktive Rolle im Gottesdienst zu haben, es ist einfach viel schöner “nur” zu kommen…. :)

  4. Daniel

    Mich spricht euer Konzept ebenfalls an. Trage ähnliche Gedanken schon eine Ganze Weile mit mir herum. Vom Rhythmus her finde ich allerdings den monatlichen Rhythmus „besser“ – auf diese Weise kann meiner Ansicht nach die „Gottesdienst-Gewohnheit“ noch besser dekonstruiert werden. Wichtig wäre es hierbei dann jedoch gemeinsame Unterstützung in der Nachfolge ähnlich der „Zellen“ zu etablieren. In diesem Zusammenhang finde ich den Weg den das netzwerk.be in der Schweiz geht sehr gut – Verbindung von kleineren Gruppen und einem monatlichen Event an dem (gemeinsame) Nachfolge auf unterschiedlichen Ebenen gefeiert wird.

  5. toby

    Das Konzept der “Sunday Plazza” hab ich mir natürlich angeschaut und finde es auch sehr gut, aber ich glaube, dass wir nicht so zielgruppenorientiert herangehen, sowohl von der Altersstruktur als auch von dem Milieuhintergrund. Mit den “Zellen” ist das ganz interessant, auf der einen Seite haben die “Gemeindeleute” ihre Zellen, auf der anderen Seite bildet sich gerade eine “Mosaikzelle”, die sich auch einmal im Monat (dann hat man alle zwei Wochen ein treffen) trifft.

  6. Stef

    Zu:

    Wie sahen die Gottesdienste der ersten Christen aus?

    In der Bibel (NT) wird hierzu ja nur sehr spärlich bzw. allgemein berichtet.
    Aber hast Du Dir schon mal angeschaut wie die frühen Christen (nach Abschluss des NTs) Gottesdienst feierten? Hierzu gibt es nämlich einiges mehr an Informationen.
    Justin der Märtyrer, der im 2. Jh. n.Chr. lebte, hat z.B. über die damalige Gottesdienstform in seiner “Ersten Apologie” geschrieben (siehe z.B. http://www.projekt-kirche.de/html/kirchenvater.html#Gottesdienst).

    Weiterhin sollte man vielleicht noch erwähnen, dass sich die Gottesdienstform im Laufe der Jahrhunderte weiter entwickelte bzw. ausformte. Zentral war jedoch zu allen Zeiten die Eucharistiefeier (d.h. das Herrenmahl), was ja heutzutage in vielen (protestantischen) Gottesdiensten leider etwas in den Hintergrund getreten ist bzw. mit einem anderen Verständnis als die der ersten Christen gefeiert wird.

    Was hältst Du übrigens vom Gedanken, dass der Gottesdienst eine Feier ist, bei der sich Himmel und Erde berühren? D.h. eine Feier, die nicht nur hier auf der Erde, sondern gleichzeitig auch im Himmel (mitsamt der Engel etc.) gefeiert wird? Das ist nämlich der Gedanke der kath. Messe (so beschrieben in “Das Mahl des Lammes. Die Messe als Himmel auf Erden” von Scott Hahn).

  7. Tobias

    Hi Stef,
    danke für deine Gedanken und Hinweise. Es gefällt mir sehr gut, dass sich Himmel und Erde Im Gottesdienst , aber ich glaube, dass dies nicht nur ein Kennzeichen vom Gottesdienst ist, sondern überhaupt ein Zeichen des Reiches Gottes. in diesem Reich, mitten unter uns, wird ein Stück des Himmels sichtbar. Manchmal muss man genau hinschauen, um es zu erkennen, aber ich bin fest davon überzeigt, dass sich dieses Reich unter uns durchsetzen wird.

    Eine interessante Seite zum Verständnis der ersten Christen ist auch:
    http://www.earlychristianwritings.com/

    Liebe GRüße,
    toby

  8. Stef

    Hi toby,
    ja klar, durch das Reich Gottes auf Erden wird ein Abglanz des Himmel für uns Menschen sichtbar.
    Dass sich Himmel und Erde im Gottesdienst berühren hat m.E. aber noch eine andere Qualität. Und ob das wirklich geschieht hängt zudem auch vom Gottesdienst bzw. den Teilnehmern selbst ab. Deshalb halte ich die Gestaltung des Gottesdienstes auch nicht (mehr) für beliebig. Nachdem ich letztes Jahr nach 13 Jahren als protestantischer Freikirchler wieder katholisch wurde (das ist mal ein Ding, gell? ;-) ), bin ich zur Überzeugung gelangt, dass man den Gottesdienst nicht einfach (nur) nach menschlichem Ermessen bzw. Geschmack gestalten sollte bzw. darf (so interessant ich Euer “Experiment” auch finde ;-) ).
    Der Hauptgrund liegt im Opfercharakter des Herrenmahls. Katholiken glauben nämlich, dass in der Gestalt von Brot und Wein Jesus Christus, also Gott selbst leibhaftig, also physisch (wenn auch nicht mit den Sinnen wahrnehmbar, d.h. u.a. unsichtbar) anwesend ist. Damit “beugt” sich mit dem “lokalen Herabkommen” Jesu der Himmel in realer Form auf die Erde nieder.
    Dass das übrigens kein Aberglaube oder neuzeitliche “Erfindung” der kath. Kirche ist, belegen die Schriften der frühen Christen (siehe z.B. http://www.staycatholic.com/ecf_the_mass.htm).
    Oder was denkst Du darüber?

  9. Stef

    Jetzt muss ich mich gleich noch ein wenig korrigieren.
    Ich habe oben bzgl. des “Eucharistiewunders” schlecht formuliert und eher die lutherische als die katholische Theologie beschrieben.
    Bei Luther ist Jesus in Brot und Wein (lediglich) geistig anwesend (Brot und Wein bleiben Brot und Wein), nach katholischen Glauben (und gemäß dem Zeugnis der frühen Christen, s.o.) verwandelt sich Brot und Wein tatsächlich in den Leib und das Blut Jesu (so unglaublich das auch klingen mag).
    Damit ist Jesus sehr wohl mit den menschlichen Sinnen in der Eucharistie erfahrbar (Brot und Wein schmecken jedoch weiterhin nach Brot und Wein, auch wenn sie der Leib und das Blut Jesu geworden sind).
    Was man mit den Sinnen jedoch nicht wahrnehmen kann ist Jesus als Mensch wie vor 2000Jahren. Damit bleibt die Eucharistie ein “Mysterium” und fordert unseren Glauben enorm heraus.
    Dennoch ist dieser Glaube übrigens biblisch, da folgende Aussage Jesu darauf hinweist und sie ansonsten auch keinen Sinn machen würde:

    “53 Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. 54 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. 55 Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank. 56 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.”(Joh 6,53-56/EÜ)

    Durch das Essen des “Lamm Gottes” wird der neue Bund mit den Menschen geschlossen ganz analog zum Vorausbild im Alten Testament (Passah-Lamm/Exodus aus Ägypten).

  10. toby

    Ja, es ist die “alte Diskussion” um die Transsubstantiationlehre. Da bin ich doch eher Protestant. :)
    Das Abendmahl würde ich auch nicht auf diesen Punkt reduzieren, sundern würde es tatsächlich im Kontext des Reiches Gottes sehen. Hier wird nicht nur Kreuz und Auferstehungskraft sichtbar, sondern es geht um eine umfassende Versöhnungstheologie die im Abendmahl ihren Ausdruck bekommt. Versöhnung zwischen Gott und Mensch, aber auch darüber hinaus zwischen den Menschen. Prof Kritzinger hat dazu mal passendeweise geschrieben:
    „Das Abendmahl ist für ihn ein zentrales Bild, das ganz praktisch Menschen einlädt, sie versammelt an Gottes großen Tisch. Dort ist für sie bereit, was sie zum Leben brauchen. Brot und Wein, Sinnbild für Christus, der uns durch seine Auferstehung aus dem alten Muster des Todes in ein Leben der Erneuerung befreit. Wir teilen das Brot und den Wein mit allen, die zusammen gekommen sind, werden gestärkt und dann ausgesandt. Dieses Teilen bezieht sich auf alle Bereiche unseres Lebens. Es sind genügend Ressourcen auf der Erde vorhanden und es ist unsere Aufgabe, diese gerecht zu verteilen. Unser Auftrag umfasst geistliche und materielle, geistige und spirituelle Güter, die wir mit Menschen teilen.“

    Wenn wir dies leben udn erleben, kommen tatsächlich Himmel und Erde zusammen….

  11. Stef

    Natürlich geht es beim “Abendmahl” um Versöhnung. Aber auch um den Neuen Bund, der durch ein „Mahl“ immer wieder auf’s Neue geschlossen wird (vgl. Lk 20,22). Und das große Wunder dabei ist die reale Anwesenheit Jesu (wie das auch Luther prinzipiell lehrte). Das ist sicherlich nicht unwesentlich. Nicht umsonst hat man in der Alten Kirche die Taufbewerber erst nach der Taufe in die “Geheimnisse” der Eucharistiefeier eingeweiht (Man soll ja auch nicht das “Heilige den Hunden geben“, vgl. Mt 7,6). Und verständlicherweise kam damals dann auch das Gerücht auf, die Christen würden Kannibalismus betreiben (was bei einem reinen Gedächtnismahl sicherlich nicht der Fall gewesen wäre).
    Wenn es um das “ewige Leben” geht, dann ist mir ehrlich gesagt wichtiger, was Jesus lehrt (vgl. Joh 6) als irgendein Reformer (wie z.B. Calvin). Und wenn ich mir bei einer Bibelstelle nicht ganz sicher bin, was diese genau bedeutet oder wie sie gemeint ist, dann zählt für mich mehr, “was überall, immer, von allen geglaubt worden ist”(so „definierte“ Vinzenz von Lérins im 5.Jh. n.Chr. was „wirklich katholisch“ ist) als was Einzelpersonen 1500 Jahre nach Jesu Tod denken. Somit stellt sich für mich die reformierte Lehre vom Abendmahl eine gravierende Verfälschung der urchristlichen (bzw. biblischen) Lehre dar und eine Vorenthaltung eines besonderen Segens Gottes für die entsprechenden Gläubigen.

  12. Uwe Metz

    Ich bin durch das Zitat in dem Beitrag aufmerksam geworden: “Lieber Tobias, 10 Jahre bin ich in den Gottesdienst gegangen und habe mich bedienen lassen, jetzt soll ich plötzlich aktiv mitmachen. Du musst mir Zeit geben, das bin ich nicht gewöhnt.“ Ich bin überzeugt, dass hier die Hauptursache für maue Gottesdienste liegt, die am Leben vorbeisprechen. Man ist es nicht gewöhnt, selbst aktiv zu werden, hält es vielleicht sogar für ungehörig, sich in die Predigtangelegenheit der studierten Theologen einzumischen. Im Grunde muss hier ein neues Bewußtsein gelegt werden für die Gemeinschaft der Heiligen und gegen die kirchlichen Gepflogenheiten. Ist kein neue Gedanke. Matthias Stempfle greift ihn in seinem (ausgezeichneten) Buch “Mehr als Gottes Bodenpersonal” auf (Brunnen Vlg.). Er wiederum greift auf eine heute beinahe vergessene Schrit von Spener zurück. Der forderte vor 300 Jahren, dass jeder Christ Verantwortung für das übernimmt, was in Gemeinde und Gottesdienst geschieht.

  13. toby

    Danke für den Buchtipp, kannte ich bisher nicht, also Stempfle nicht Spener! ;)

  14. Uwe Metz

    Ich bin ja von Beruf Buchhändler und schaue mir regelmäßig die Vorschauen an. Es scheint ein sich vage ein Trendwechsel abzuzeichnen im Blick auf die Weise, wie Christen ihr Christsein verstehen: Der politische Gehalt des Glaubens findet ansatzweise stärkere Beachtung. Ich drücke mich zurückhaltend aus, weil anhand einiger Neuerscheinungen gewiss keine Tendenz auszumachen ist. Politisch meine ich im ursprünglichen Sinn des Wortes, also sich am öffentlichen Geschehen mitbeteiligen und zwar als ersten Schritt am Geschehen in der Gemeinde. Nicht nur das Buch von Stempfle, sondern auch der Titel “Jesus for President” von Clairborn und Haw (Brunnen) weisen in diese Richtung.
    Soeben kam ich aus einem evangelischen Karfreitagsgottesdienst. Da war von dieser Tendenz allerdings so gut wie gar nichts zu spüren. Wenn es ein Lichtstreifen am christlichen Horizont gibt, so ist er fadendünn. Aber es heißt ja “Oh Heiland, reiß die Himmel auf.”

  15. toby

    Ich sehe diese Entwicklung auf jeden Fall. Auch die “alten linken Evangelikalen” werden plötzlich wieder entdeckt, die genau diese politische Dimension des Evangeliums anmahnen, sei es Yoder oder Sider (ich glaube, dass dieses Jahr von beiden Bücher neu auf deutsch aufgelegt werden). Aber auch große evangelische Theologen werden von den “Evangelikalen” neu entdeckt, sei es Bonhoeffer oder Moltmann. Ich glaube fest, dass sich was tut…

  16. Uwe Metz

    Betr. Abendmahl

    Ich muss mich hinsichtlich des Januarbeitrages von “Stef” als reformiert geprägter Christ zu Wort melden – sozusagen aus “patriotischen Gründen”. Die calvinistisch geprägte Lehre vom Herrenmahl versucht einerseits einen Kompromiß zu finden zwischen verschiedenen Glaubensauffassungen, andererseits einen eigenen Akzent zu setzen. Und der betont die Gemeinschaft (die lutherische Auffassung – und damit diejenige, die die meisten Evangelischen in Deutschland teilen – betont vorallem die Erlösung von den Sünden). Es gibt noch eine andere reformierte Auffassung, die durch den Züricher Zwingli geformt wurde. Sie betont, dass das Herrenmahl eine reine Erinnerung ohne besondere Wirkweise ist. Calvin stimmte seinem Mitreformator in dieser Hinsicht nicht zu. Vermutlich hätte es die Trennung zwischen Luther und den reformierten Protestanten nicht gegeben, wenn sich der Wittenberger und Calvin gesprochen hätten.

    Wichtig bei allen Abendmahlslehren ist, dass alle – von katholisch bis reformiert – den Eindruck haben, es sei die angemessene biblische. Tja, bei der katholischen Transsubstantiation und erst recht bei einem Abendmahlsritus, bei dem der Glaubende nur ein Teil der Elemente (Brot) erhält, fällt mir Toleranz nicht ganz leicht. Aber ich muss dem anderen zugestehen, dass er auf diese Weise für seinen Glauben Stärkung findet. Deswegen bin ich eher zurückhaltend mit Festlegungen, was falsch und was biblisch ist. Jesus wollte seine Nachfolger stärken. Jeden einzelnen und alle zusammen. Denn der Weg mit ihm zu Gott bedarf dieser Stärkung. Unter diesem Gesichtspunkt der Stärkung ist das Herrenmahl auch gesellschaftskritisch. Denn die Kraft, die ich dort erhalte, kann ich mir auf keine andere Weise beschaffen. Sie ist einzigartig. Es gibt kein Ersatzprodukt, das man stattdessen in Anspruch nehmen kann. Deshalb ist es verwunderlich, dass wir Protestanten gleich welcher Couleur das Herrenmahl nur gelegentlich und nicht – wie die Katholiken – regelmäßig und häufig beanspruchen.

  17. Wolfram

    Hallo zusammen,

    habe mir den Bericht von Tobias durchglesen u. die anderen Kommentare dazu.

    Es ist typisch für uns Christen, daß wir wieder in die lehrmäßige
    Auseinandersetzung, wenn auch positiv, abgleiten. Sollten wir uns
    nicht Gedanken darüber machen, was Gemeinde oder Gottesdienst
    in der postmoderne oder nach der Postmoderne ist?

    Persönlich habe ich von einer freien Gemeinde in eine Freikirche gewechselt. Hier ist ein großes Sehnen nach Wachstum geistlich
    wie auch bzgl. der Mitglieder, da die Gemeinde überaltert ist.

    Das Problem der meisten Gemeinden ist doch, daß man zur Kirche
    oder Gottesdienst geht und nicht versteht, daß dies doch garnicht
    möglich ist, da wir als einzelne Glieder doch Gemeinde sind. Dies
    nicht nur am Sonntag, sondern alle sieben Tage in der Woche.

    Wir nehmen zumeist eine Kosumhaltung ein u. verlassen uns auf
    den Pastor oder die Leitung. Doch was lesen wir in der Schrift??

    Tobias hat es schon angesprochen, jeder hatte einen Psalm,
    ein Erlebnis, ein Wort, eine Aufmunterung, eine Ermahnung ect.
    ect.! Wir sind doch ein organischer Leib und sollten alle Sonntags
    mit dazu beitragen und es auch in der Woche miteinander leben und
    für einander dasein.

    Doch wie kann ich die Herzen der Geschwister in einer strukturierten
    Gemeinde für solch ein Leben als Christ errreichen und wie kann ich
    den Samen dafür aussäen? Hat jemand von Euch Erfahrungen damit??

    Euer Wolfram

  18. Uwe Metz

    Guten Tag,

    ich stimme Wolfram sehr zu, in der Aussage, dass wir Christen gerne in die lehrmäßige Ausseinandersetzung (ab)gleiten. Es ist ein probates Mittel, um sich der Notwendigkeit, eine eigene Antwort zu finden, zu entziehen. Ich erlebte dies in meiner hauptamtlichen Tätigkeit, aber beobachte das auch aus der Perspektive des nicht-hauptamtlichen Gemeindegliedes. Der Pastor wird als Entscheidungsträger und als Ausführender in der Gemeinde in Folge immer wichtiger. Das ist vielen Hauptamtlichen allerdings gar nicht unangenehm. Es stärkt einen in der Wahrnehmung der eigenen Bedeutung. Über diesen Aspekt, Macht und “Gewaltenverteilung” in der Gemeinde wird, bei aller Aufmerksamkeit der lehrmäßigen Auseinandersetzung gegenüber, erstaunlich wenig nachgedacht. Ich empfand die Bücher von Stempfle, Mehr als Gottes Bodenpersonal, Brunnen Vlg. und Lövas, Wolf im Schafspelz, Brendow Vlg. erhellend.

    An diesem Punkt ist es nach meinem Dafürhalten entscheidend, dass Christen in echte Auseinandersetzung treten. Nach meiner Erfahrung genügt (leider) die Frage nach der Bibel nicht. Die gewohnten, gefestigten Strukturen wiegen schwerer als die Frage, ob sie dem biblischen Zeugnis angemessen sind. Auch deshalb greift eine lehrmäßige Auseinandersetzung hier nicht.

    Herzlichst
    Uwe Metz